Ein Plädoyer an alle Verrückten, Träumer und Lebenskünstler – Couchsurfing in Tunis

Auf meiner Reise durch Tunesien habe ich viele dieser „Verrückten“ kennenlernen dürfen. Und vorab eines: „Ihr seid unglaublich!“ Aber einer von ihnen, wird mir wohl ganz besonders im Gedächtnis bleiben. Tahar. Ihn habe ich über Couchsurfing kennengelernt. Sofort hat er mir versichert, mich bei ihm zuhause aufzunehmen. Als wäre das noch nicht genug, schickte er mir vorab seitenweise Informationen über sein Land. Damit half er mir, eine Route zu planen und brachte mich in Kontakt mit weiteren „Verrückten“ im ganzen Land. Außerdem lud er mich auf ein langes Wochenende mit Freunden ein und bot mir an, mich in die verborgenen Winkel der Medina von Tunis zu führen. Alles gratis, natürlich. Denn nur so funktioniert Couchsurfing. Ein soziales Netzwerk, um eben diese verrückten Menschen in Verbindung zu bringen.

Mein Couchsurfing Host Tahar in Tunis

Der perfekte Host

Weiter ging Tahars perfekte Organisation mit meiner Ankunft am Flughafen in Tunis. Er holte mich ab, besorgte mir eine Sim-Karte und ein Taxi, dessen Fahrer einwilligte, das Meter zu benutzen. Als Europäer alleine, wäre dies eine aussichtslose Aufgabe am Flughafen. Von der ersten Sekunde an in Tahars Wohnung wusste ich, ich hatte meine vorübergehende Heimat in Tunesien gefunden. Die Räume waren gefüllt mit Gegenständen aus der ganzen Welt. Schafsfelle aus Neuseeland, Gemälde aus der ehemaligen Sowjetunion, Möbel aus Tunesien und eine Wasserpfeife aus den Emiraten. Doch das beste in der Wohnung: Tahar selbst. Er hatte die halbe Welt bereist und in Abu Dhabi, der Elfenbeinküste, Italien und den USA gelebt. „Keine Routine!“ war sein Motto, um jung zu bleiben. Dieser persönliche Jungbrunnen schien zu wirken. Der 78-jährige war fit wie ein Turnschuh, was mir schon der kurze Sprint zu einem freien Taxi am Flughafen bewies. Ruhe im Alter? Genüsslich auf dem Sofa sitzen und die Zeit bis zum Tod abwarten? Nicht bei Tahar!

Kennenlernen nach Couchsurfing-Art

Erst einmal besorgten wir uns etwas zu Essen von dem kleinen Restaurant unter dem 7 Stöckigen Apartmentkomplex. Wir brachten unsere eigenen Teller mit, um dann in der Wohnung bei einem Gläschen Rotwein über Gott und die Welt zu philosophieren. Sofort fühlte es sich an, als wäre Tahar seit Jahren ein guter Freund. Trotz der Altersdifferenz, waren wir auf einer Wellenlänge. Verrückte unter sich. Dabei ging es genauso über Erdogan und die Kurden, wie auch über deutsche Pünktlichkeit und die Probleme Tunesiens nach der Revolution. Diesen Umbruch hatte Tahar selbst nur über Medien mitbekommen, denn einen Großteil seines Lebens hatte er in Italien studiert und gearbeitet, als Architekt und Ingenieur.

Nach der Revolution kam er zurück. Für ihn selbst, in eine neue Welt. Tunesien hatte sich verändert und er erkannte vieles nicht wieder. Seine Jugenderinnerungen wollten nicht mehr mit der heutigen Realität übereinstimmen,  was den junggebliebenen 78-jährigen nicht davon abhielt, sein eigenes Land auf ein Neues zu erkunden und auch Ausländern dabei behilflich zu sein. Schon mehr als 120 andere Couchsurfer hatten bei ihm in Tunis übernachtet. Eine beeindruckende Zahl und mittlerweile so etwas wie Routine für Tahar. Dennoch wird er es nicht müde, neues von ihnen zu lernen und Meinungen und Lebensansichten auszutauschen.

Straßenszene in der Medina
Trotz Revolution, könnte Tunis nicht melancholischer sein.

Nach dem Essen ruhten wir uns beide für ein paar Stunden aus. Für mich eine Geduldsprobe. Es war früher Nachmittag und ich saß in einem fremden Land, in einer fremden Stadt und wünschte mir nichts sehnlicher, als sofort alles zu erkunden. Aber auch das ist Couchsurfing. Fremde lassen dich kostenlos in ihrer Wohnung übernachten und helfen dir zurechtzukommen. Dafür muss man auch ein wenig seine eigenen Wünsche und Erwartungen an die ihren anpassen und Kompromisse eingehen. Und so vertrieb ich mir die Zeit mit einer Lektüre, bis wir aufbrachen. Tahar wollte mich zum wöchentlichen Couchsurfing-Treffen bringen, wo ich noch mehr „Verrückte“ kennenlernen konnte.

Nett, netter am nettesten

Bei weitem hatte ich nicht so viele Menschen erwartet. Ich dachte an ein kleines Beisammensein mit ca. 10 Leuten. Wir waren die Ersten und nach und nach trafen immer mehr Leute ein. So wuchs unsere Gruppe schnell auf über 40 an. Ich schüttelte viele Hände und lernte neue Namen, so schnell wie ich sie, zu meiner Schande, auch wieder vergaß. Es waren einfach zu viele auf einmal. Jeder wollte mich kennenlernen, denn ich war diesmal der einzige Ausländer. So unterhielt ich mich zum Beispiel mit Sarah, eine engagierte Tunesierin, die Englisch studiert hat und nun in Callcentern und Schulen versauert, denn der Arbeitsmarkt ist nicht gerade einfach in Tunesien. Viele Studierte sitzen arbeitslos im Café und warten, warten darauf, dass sich etwas ändert.

Street Art in Tunis. Es gibt viele junge, kreative, gebildete Menschen, aber wenig Perspektiven.

Eine andere junge Frau erzählte mir, sie sei Marokkanerin und mit einem Tunesier verheiratet. Wie ich lernte, unterscheiden sich das marokkanische und tunesische Arabisch so sehr, dass sie sich anfangs nicht einmal hätten unterhalten können, würden sie nicht auch Englisch und Französisch beherrschen.

Plötzlich betrat ein weiterer dieser „Verrückten“ den Raum. Etwas verlegen stand er im mittlerweile gut gefüllten Raum und man sah ihm an, dass er ebenfalls Ausländer war. Ich bot ihm einen Platz in unserer Runde an. Er stellte sich als „Peter“ vor. Auf meine Frage, woher er kommt, antwortete er mit einem Grinsen: „Aus England, aber ich lebe jetzt in -und ja, ich weiß, ich bin verrückt – Libyen, genauer in Tripolis.“ Unsicher, was ich antworten sollte, fiel mir nur ein „Interessant, wie lebt es sich dort?“ ein. Scherzend antwortete er: „Ich könnte mir genauso gut eine Zielscheibe auf die Brust malen. Nein, ernsthaft Libyen ist mir ans Herz gewachsen.“ Er unterrichtet dort nun seit einem Jahr Englisch und es sei bei weitem nicht so schlimm, wie man denkt. Das Leben geht trotz ständiger Unruhen weiter und mit der Zeit gewöhnt man sich an die Geräusche von Schüssen. Er fühlt sich sicher und ist glücklich. Das ist doch die Hauptsache.

Karthago: der Villenvorort von Tunis birgt eine riesige Enttäuschung

Blick auf Meer von Karthago

Am nächsten Morgen machte ich mich auf, das nahegelegene Karthago zu erkunden. Im Kontext antiker Geschichte, stellt man Karthago meist mit Rom, Athen oder Persepolis auf eine Stufe. Leider zeugen nur größtenteils kümmerliche Reste von der einstigen Mittelmeermetropole. Die Ausgrabungen liegen weit voneinander entfernt und wer, so wie ich, alle Orte des Kombitickets abhaken möchte, sollte einen halben Tag Zeit und gute Schuhe mitbringen. Wer nur das wichtigste sehen möchte, ist mit dem Byrsa-Hügel (inkl. Museum), dem antiken Hafen und den Thermen gut bedient. Nur selten fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt und oft ist es schwer, in den niedrigen Mauern und Fundamenten einen Sinn zu sehen. Einzig die Augustusthermen haben noch einen gewissen Wow-Faktor. Ansonsten haben die Römer gute Arbeit geleistet, die Stadt niederzureißen und alles abzubrennen.

Der malerischste Ort Tunesiens, Sidi Bou Said

Weitaus lohnenswerter ist dagegen Sidi Bou Said. Nur wenige Stopps weiter mit der Vorortbahn, liegt ein einstmals kleines Dorf, welches heute mit den Vororten von Tunis verschmolzen ist. Ehemals ein Ort für die Boheme, Künstler und Aussteiger, zieht es heutzutage weitaus weniger verrückte Menschen in das malerische Dorf. Hauptsächlich tunesische Touristen tummeln sich hier, denn ausländische Touristen gibt es seit der Revolution und vergangenen Unruhen nur wenige. Abgesehen von der ein oder anderen chinesischen Busgruppe, die man heutzutage vermutlich auch an der Frontlinie des IS in Syrien findet.

Malerisches Sidi Bou Said
Tunesiens Antwort auf Santorini in Griechenland

Doch sitzt man in dem strahlend weißen Dörfchen mit den blauen Fensterläden und genießt den Blick auf den kleinen Jachthafen unterhalb der steil abfallenden Klippen, fragt man sich wirklich, wieso man für verrückt gehalten wurde, nach Tunesien zu fahren. Wer ist der Verrückte? Der, der diesen atemberaubenden Blick genießt oder der, der lieber jedes Jahr im „sicheren“ Europa mit zehntausenden am Strand liegt, sodass man sich kaum noch drehen kann? Denn eines kann ich behaupten, unsicher habe ich mich in Tunesien nie gefühlt!

Sidi Bou Said lädt zum Spazieren und Erforschen förmlich ein. Jede Gasse ist schöner als die Vorhergehende und man möchte keinen Fleck verpassen. Ziellos schlenderte ich umher, kaufte mir einen frittierten Donut, genannt Bomblaouni und suchte nach den Moscheen im Ort. Am besten aber gefiel mir der Blick aufs Meer, über den Jachthafen bis in die Ferne. Denn Sidi Bou Said ist ein Ort, der zum Träumen einlädt. Träumen von einer Welt, in der es um mehr geht, als den neuesten Mercedes oder ein schickes Haus. Der Ort lädt ein zu verweilen und gleichzeitig spüre ich eine innere Unruhe. Die Schönheit hier drängt einen förmlich dazu, weitere solcher Orte zu finden. Sofort und auf der ganzen Welt.

Blick über Sidi Bou Said
Der Blick über Sidi Bou Said

Das Bardomuseum und ein ganz besonderer Spaziergang durch die Medina

Am nächsten Tag besichtigte ich das Bardo Museum. Eines der größten und sehenswertesten Museen der arabischen Welt. Im Inneren des wunderschönen Gebäudes, welches teils aus einem ehemaligen Palast und teils aus einem stilvollen Neubau besteht, befinden sich historische Funde aus dem ganzen Land. Unter anderem hunderte Mosaike römischer Stätten, wie Dougga, Heidra oder Kerkouane. Das Museum liegt etwas außerhalb im gleichnamigen Stadtteil Bardo. Für einen Besuch sollte man einen halben Tag einplanen.

Am frühen Nachmittag traf ich mich mit Tahar in der Nähe der Medina für eine Führung. Die Medina von Tunis ist riesig und möchte man sie auch abseits der großen Gassen und bekannten Sehenswürdigkeiten erkunden, ist es unerlässlich, einen Führer zu haben. Und mit Tahar, hatte ich eine gute Wahl getroffen. Er kannte all die versteckten Winkel und Gassen. Als Erstes, brachte er mich in ein herrliches, kleines Lokal. Wir aßen traditionellen Couscous, bevor er mir ein paar versteckte Funduks (Karawansereien) zeigte. Viele dieser ehemals prächtigen Herbergen werden heute von der armen Unterschicht bewohnt, da sie leer stehen und günstigen Wohnraum bieten.

Die andere Seite der Medaille

Andere Gebäude der Medina waren regelrecht aufpoliert und sehr gut erhalten. Insbesondere der reichere Stadtteil im Norden war eine Augenweide. Mächtige Eingangstore, reich verzierte Balkone und versteckte Innenhöfe. Der ein oder andere glich einem Palast. Tahar wies mich auf vielerlei Details hin. So zum Beispiel, dass immer ein Fenster so platziert wurde, dass man sehen konnte, wer an die Tür klopfte. Oder, dass es zwei unterschiedliche Höhen für die Türklopfer gab, abhängig davon ob man gerade zu Pferde saß, oder zu Fuß unterwegs war. Letzten Endes hatten wir zwar nicht alle Sehenswürdigkeiten aus meinem Reiseführer abgelaufen, dafür bekam ich einen einzigartigen Einblick in das Leben in der Medina.

Versteckter Palast in der Medina von Tunis
Versteckter Palast in der Medina von Tunis

So vergingen meine ersten Tage in Tunis schneller und erlebnisreicher, als ich sie mir hätte erträumen können. Doch wie viele Überraschungen, nette Bekanntschaften und Momente zum Weinen mir auf meiner weiteren Reise noch begegnen sollten, konnte ich nicht wissen…

Wart ihr schon einmal in Tunis? Und was waren eure verrücktesten/ inspirierendsten/abenteuerlichsten Reisebekanntschaften? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

Kommentare

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