Das Land, das es gar nicht gibt.

Kaum war ich drei Tage in Armenien, habe ich das Land schon wieder verlassen. Oder habe ich das? Wo war ich den jetzt? Nagorno Karabakh? Davon hat wohl kaum Jemand schon einmal gehört. Auch nach einer Botschaft sucht man für dieses Land vergeblich. Abgesehen von der in Yerevan. Wie man es jetzt genau definiert, ist Ansichtssache. Für manche ist es armenisch besetztes Territorium von Aserbaidschan. Für andere ist es ein eigenständiges Land. Bei meinem Besuch fühlte es sich wie Armenien an.

An der Grenze angekommen, schaute der Beamte kurz meinen Pass an und fragte, ob ich weiß, dass ich ein Visum benötige. In allen Ländern der Welt würde ich jetzt entweder ein Visum bei der Ankunft ausgestellt bekommen, oder man würde mich von der Grenze abweisen, weil es erforderlich ist, ein Visum im Voraus zu arrangieren. Nicht in Karabakh. Hier bekam ich einen kleinen Schnipsel mit der Adresse des zuständigen Ministeriums. In Stepanarket, der Hauptstadt angekommen, machte die  Visabehörde aber gerade Mittagspause. Weswegen ich zunächst erst einmal mein Gepäck in einem sehr schönen Gasthaus abstellte und einen Tee trank. Um 2 Uhr konnte ich dann endlich das Visum klären. Hierzu musste man nur einen einseitigen Antrag ausfüllen und umgerechnet 12 Euro zahlen. Ein paar Minuten später bekam ich meinen Pass mit einem sehr schönen Visum zurück. Außerhalb von Karabakh ist es aber nicht mehr wert als ein Stück Papier. Denn die kleine, selbsternannte Republik im Niedrigen Kaukasus wird von keinem Land der Welt offiziell anerkannt.

Den verbleibenden Nachmittag erkundete ich noch die sehr moderne Hauptstadt des kriegsgeplagten Landes. Auf dem Markt kostete ich für Karabakh typisches Brot mit einer üppigen Kräuterfüllung. Lecker und vor allem sicherlich sehr gesund. Auch zwei Museen zum Krieg mit Aserbaidschan schaute ich mir an. Der Konflikt hat nie wirklich ein Ende gefunden und noch heute ist die Spannung zu spüren. An der  inoffiziellen Grenze kommt es immer wieder zu Schusswechseln und man sollte es tunlichst vermeiden, das Wort Aserbaidschan in der Öffentlichkeit auszusprechen. Auf der anderen Seite kann ich mit dem Karabakh Visum im Pass nicht mehr nach Aserbaidschan einreisen, da sie die kleine Republik als illegal besetztes,  aserbaidschanisches Territorium ansehen. Somit wird eine Einreise von Armenien aus als nicht genehmigter Grenzübertritt gehandelt.

Am nächsten Tag machte ich mich auf nach Shushi. Nur neun Kilometer von der Hauptstadt entfernt, bot sich hier ein ganz anderes Bild. Hier war der Krieg auch außerhalb eines Museums noch hautnah zu spüren. Die Stadt wurde während einer waghalsigen Befreiungsaktion der Armenier fast gänzlich zerstört. Heutzutage mischten sich zerstörte Wohnhäuser und Ruinen von Moscheen mit neu gebauten Apartmentblocks.
In eine der drei verlassenen Moscheen erlangte ich durch ein Loch im Zaun Zutritt. Ich erklomm das Minarett und das Panorama schockierte mich. Zerbombte Häuser und ausgebrannte Autos; noch vor gar nicht langer Zeit hatte hier der Krieg getobt. Damals kontrollierten aserbaidschanische Soldaten die Straßen. Panzer rollten umher. Von meiner Perspektive, hoch oben im Minarett schien es als würden die Menschen versuchen, ein normales Leben weiter zu führen. Sie schlenderten mit Einkäufen oder kleinen Kindern unbedacht vorbei an der Zerstörung zu ihren schönen neuen Häusern.

ZerstörtesHaus

Persönlich faszinierte mich Karabakh, weil der Konflikt auf die  Weltgeschichte bezogen noch ein sehr Junger war.
Im örtlichen Kriegsmuseum erzählte der Besitzer leidenschaftlich von der Befreiung Shushis, als sei er selbst dabei gewesen. Wie die armenischen Freiheitskämpfer,  samt all ihrer Ausrüstung die steilen Felswände erklommen. Drei Seiten der Stadt galten als unpassierbar, da sie durch senkrecht abfallende Felshänge geschützt wären. Von hier griffen die Armenier völlig überragend an. Seine Geschichte in gebrochenem Englisch kam mehrmals zum Stocken. Jede der Pausen nutze ein weiterer Mann, um den Heldenmut aller Beteiligten zu versichern.

Nach so viel Krieg und Zerstörung brauchte ich etwas  entspannendes. Ich spazierte zu einer großen, baumbedeckten Schlucht. Der Weg passierte eine Wiese und das Gras wehte rhythmisch im Wind. Hier setzte ich mich, um den ganzen Krieg und das Leid zu verarbeiten. Bei uns in Deutschland hört man wenig über den Krieg. Wieso? Täglich wird über irgendeinen Konflikt berichtet. Vermutlich ist der Krieg schon zu lange her. Völkerrechtlich ist Karabakh immer noch ein Teil von Aserbaidschan.

SchuchtPanorama

Klippen

Der letzte Tag in Karabakh war vermutlich der Beste. Es ging mit dem Bus nach Vank. Oberhalb des kleinen Ortes gab es ein wunderschönes Kloster, genannt Gandazar. Der einzige Nachteil,  man musste die letzten drei Kilometer in kochender Hitze steil nach oben laufen. Angekommen, erkundete ich die Anlage und muss ehrlich zugeben, es war schön, aber eigentlich doch nur eine typische, armenische Kirche ohne Besonderheit. Wirklich interessant wurde es erst, als ich mit den einzigen zwei ausländischen Touristen ins Gespräch kam.

Ein französischer Vater mit seiner Tochter. Sie hatten aber armenische Wurzeln und besuchten Verwandte in Yerevan, Berg Karabakh war nur ein kurzer, zusätzlicher Ausflug. Woraufhin ich ihnen von meinem Plan erzählte. Davon, dass ich mit dem Bus und zu Fuß zur Kirche bin und jetzt per Anhalter noch zu einer Ausgrabung wollte. Eigentlich hatten wir uns schon verabschiedet, als sie mir am Parkplatz vor der Kirche anboten, mich mitzunehmen. Darunter verstand ich, den Hügel hinunter bis ins Dorf. Glücklich über diese erste  Mitfahrgelegenheit und erleichtert darüber, nicht erneut in der mittlerweile gnadenlosen  Mittagshitze wandern zu müssen. Unten im Dorf tranken wir gemeinsam eine Cola und das sympathische Vater-Tochter Duo nahm mich noch weiter mit. Diesmal glaubte ich, sie würden mich ein Stück zurück Richtung Hauptstadt fahren was genau mein Weg war. Sie mussten dann abzweigen, um noch ein weiteres, sehr abgelegenes Kloster in den Bergen zu besichtigen. Als ich darauf hinwies “Hier geht es nach Stepanarket”, meinte der Vater nur, “Ja, aber wir müssen hier zur Kirche”. Und jetzt erst wurde mir klar, die wollten mich bis zur Kirche und zurück mitnehmen. Gut.  Wieso eigentlich nicht? Alleine könnte ich das dahin niemals zahlen.

Letzten Endes waren wir nur alle überrascht, wie lange die Fahrt dauerte. Ganze zwei Stunden quälten wir uns über unbefestigte Straßen und sogar der Taxifahrer musste mehrmals nach dem Weg fragen und wie weit es noch ist. Durch Schluchten ging es vorbei an Flüssen. Wälder wechselten sich mit Wiesen ab. Und je weiter wir kamen, desto bergiger wurde es und wir konnten sogar ein paar schneebedeckte Gipfel sehen.

Gelohnt hat es sich aber definitiv, eine solch entlegene Attraktion zu besuchen und wir waren alle verblüfft über das wunderschöne Konvent. Auf dem Rückweg legten wir eine Pause ein und aßen das typische Kräuterbrot und ein paar armenische Lkw-Fahrer spendierten uns einen Kaffee.
Zurück in der Hauptstadt lehnten die Franzosen jeden meiner Versuche ab, mich am Taxi zu beteiligen. Woraufhin ich mich höflich bedankte und meinen letzten Tag in Nagorno Karabakh ausklingen ließ.

 

Kommentare

  1. Pingback: 10 Highlights einer Reise durch den Kaukasus | wasgesternwar

Teile deine Gedanken...