Das Leben in der Medresse

Puh, gerade noch geschafft. Mohamed huscht in das Klassenzimmer für seine Unterrichtsstunde in islamischem Recht. Beinahe wäre er zu spät gekommen und das nur, weil er noch mit Beshar und Ali herumgealbert hatte. Mohamed ist Schüler in der Ben Yussef Medresse in Marrakesch, wie ca. neunhundert andere junge Männer im Alter zwischen 14 und 27 Jahren. Die Ben Yussef Medresse ist die Größte Nordafrikas. Mit drei anderen teilt er sich eine der kleinen Zellen, welche sich direkt in der Medresse befindet. Viel mehr als zwei Stockbetten haben nicht Platz, doch persönliche Habseligkeiten haben die Schüler ohnehin nicht viele. Wie die meisten, kommt Mohamed aus einer ärmlichen Familie vom Land. Sein Vater hat ihn hierher geschickt, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

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Als Mohamed das erste Mal über die Schwelle der Medresse trat, war er hin und weg beim Anblick der Verzierungen und des Reichtums. Bunte Mosaike, weißer Marmor und kunstvolle Holzschnitzereien. Solch ein Anblick war dem Jungen fremd. Bis dahin war er noch nie in Marrakesch gewesen, kannte nur sein kleines Dorf und die Felder. Dort gab es nichts Vergleichbares. Nur die ärmlichen Lehmhäuser und die spärlichen Felder.

Heutzutage hat sich Mohamed jedoch gut eingelebt und trifft sich nach dem Unterricht mit Freunden. Sie wollen in die Stadt und Erledigungen auf den Souks nachkommen. Doch zuvor geht es in die mit der Medresse verbundenen Moschee, um zu beten. In Marrakesch gibt es hunderte Moscheen, doch viele sind für Fremde gar nicht erkennbar, da sie keine Minarette tragen.

Nach dem Gebet schlendern die Jungs durch die rote Medina von Marrakesch. Durch die engen Gassen, vorbei an allerlei unterschiedlichen Menschen. In der Medina trifft man auf Karawanenführer aus dem fernen Mali, auf Bettler und auf Bauern aus dem nahen Atlas-Gebirge, die ihre Waren feilbieten. Frauen beim täglichen Einkauf und Juden, die eine gesonderte Stellung in der marokkanischen Gesellschaft einnehmen.

Das Gerberviertel ist für die Jungs immer wieder ein besonderer Abenteuerspielplatz. Der beißende Geruch, die vielen Bottiche und die harte Arbeit. Sie passieren es diesmal nur schnell und kommen dem Zentrum näher.

In den Straßen ist es überfüllt und laut. Eine drückende Hitze liegt über der Stadt, doch die Jungs bahnen sich ihren Weg zu den Souks. Hier herrscht wie immer reges Treiben. Man muss sich regelrecht durch die Menschenmassen quetschen. Die Gassen sind eng und vollbeladene Esel und Handkarren machen ein Durchkommen manchmal schier unmöglich. Der Duft nach Gewürzen mischt sich mit Staub und Gestank. Von Zeit zu Zeit noch kann die Reizüberflutung selbst den langjährigsten Marrakesch-Bewohner überfordern. Auf den Souks kaufen die Jungs Stoff für neue Gewänder und Dinge des täglichen Bedarfs. Seife, Öl und ein paar neue Schuhe aus Kamelleder. Was es hier nicht zu kaufen gibt, ist in ganz Marokko kaum zu finden.

Auf dem Rückweg treffen Mohamed und seine Freunde noch ein paar Jungs aus ihrer Nachbarschaft und spielen auf einem der zahlreichen Hinterhöfe Ball. Auch wenn die Medressenschüler ein anderes Leben führen und schon früh zur Selbstständigkeit und Reife erzogen worden sind, ist das Kind in ihnen noch nicht ganz verschwunden. Und so vergisst Mohamed voll und ganz die Zeit und im Handumdrehen ist es fast dunkel. Sie haben das Abendessen in der Medresse verpasst. Darum beschließen Mohamed und seine Freunde, auf den nahegelegenen Djema El Fna zu gehen. Der größte Platz Marrakeschs ist ein beliebter Treffpunkt bei Marokkanern und bietet mit dutzenden Buden, welche jeden Abend aufgebaut werden, zahlreiche Leckereien. Neben dem Essen gibt es hier auch Schlangenbeschwörer, Tanz und Musik und auch so manches Straßentheater. So lassen Mohamed, Ali und Beshar den Tag bei Tajine und Couscous ausklingen, bevor ein neuer Tag mit neuem Unterricht auf sie wartet.

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Der Djema El Fna.

Kommentare

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