Über die Unmöglichkeit des Schnellreisens – Veliko Tarnovo

Die Altstadt von Veliko Tarnovo, Bulgarien.

Mit Veliko Tarnovo verbinde ich vor allem eines: Stress. Stress und noch mehr Stress. Das immer selbe Problem auf kurzen Reisen. Alles ist stressig. Dabei ist Veliko Tarnovo so unglaublich schön! Die alte Hauptstadt Bulgariens liegt an den steilen Ufern eines Flusses. Die weißen Häuser mit den rotbraunen Dächern wirken wie festgeklebt und mancherorts stapeln sie sich wie Würfelzucker. Aussichtsterrassen bieten ideale Blicke über die großzügige Altstadt. Eine riesige Festung wartet darauf, erkundet zu werden und ein Basar verleiht der Stadt einen eher orientalischen Flair.

Panik, Angst und Stress – Die Ankunft in Veliko Tarnovo

Der Besitzer unserer Unterkunft, weit außerhalb, hat uns geraten in der Nähe eines Denkmals zu parken, von hier aus seien es ca. 30 Minuten zu Fuß. “So lange? Die Zeit haben wir nicht. Es muss doch Parkplätze weiter im Zentrum geben?” Die Gedanken schießen durch unsere Köpfe. Wir versuchen es. Die erste Ampel, eine riesige Kreuzung und ein Denkmal. Hier sollten wir parken. Schlau, wie wir sind, fahren wir einfach weiter. Bergab in eine Seitenstraße, nach wenigen Hundert Metern biegen wir in eine sehr kleine Straße ein. Keine zehn Sekunden später endet der Asphalt. Grobes Pflaster und Kies bilden die Fahrunterlage. Die Gasse ist stellenweise nur so breit wie ein Auto. Wo die Straße breit genug für 2 Autos ist, da ist alles zugeparkt.

die altstadt von Veliko Tarnovo.
In diesen engen Gassen suchten wir verzweifelt den Weg aus der Altstadt von Veliko Tarnovo.

Mit jedem Meter Fahrt werde ich gestresster. Meine Freundin beruhigt mich: “Auf der Karte sieht es so aus, als würde es gleich wieder breiter werden”. Ich bin skeptisch und werde recht behalten. Die Verhältnisse werden immer schlechter und tiefe Schlaglöcher müssen umfahren werden, insofern es geht. Ich habe Angst um den Mietwagen. “Was, wenn uns ein Auto entgegen kommt? Und wo wollen wir überhaupt hin? Hier werden wir sicher nicht parken.” Die Gedanken plagen mich. Wenden ist nicht möglich und ausweichen auch nicht. Ich will hier nur noch raus. Und dann passiert es, das Unumgängliche. Ein Auto kommt entgegen. Was nun? In Millimeterarbeit setzte ich zurück, bis es endlich eine Lücke gibt. Der Spiegel auf der Fahrerseite wird eingeklappt und ich parke bis auf wenige Zentimeter von der Hauswand entfernt. Gerade so kommen wir aneinander vorbei, kratzerfrei und mit einem Nur-Fast-Herzinfarkt.

die altstadt von Veliko Tarnovo.
Das wunderschöne Denkmal auf der Insel im Fluss von Veliko Tarnovo.

Nach diesem ungewollten Nervenkitzel, will ich nur noch drehen. An sich habe ich kein Problem damit, hier zu fahren. Die Herausforderung reizt mich, aber die Chancen auf einen Parkplatz sind gleich null. Noch mehr will ich aber den Mietwagen ohne Kratzer und Dellen zurückbringen, die wir teuer bezahlen müssten.

Endlich! Eine Stelle, um zu drehen! Nur noch raus hier. Egal, wenn wir eine halbe Stunde laufen müssten. Wie wir bemerkt haben, ist die Altstadt gerade mal wenige Minuten von dem beschriebenen Parkplatz entfernt. Also raus hier! Und dann noch einmal, ein Auto kommt uns entgegen. Der Puls steigt wieder. Ich will unseren Mietwagen nur unbeschadet hier raus bringen. Und tatsächlich klappt es einwandfrei und wir schaffen es heil aus der Altstadt.

Die Altstadt von Veliko Tarnovo.
“Wer ist da?” Ein bulgarisches Mädchen späht aus einem Haus in der Altstadt.

Hektik und verpasste Erlebnisse – die Besichtigung

Es ist bereits deutlich nach Mittag. Wir haben nur noch vier bis fünf Stunden um die Altstadt und alle Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Gemütliches Umherschlendern und alles in Ruhe abhaken ist nicht drin. Wenn wir noch alles sehen wollen, müssen wir uns beeilen. Und was wir bis jetzt, trotz Stress, von unserer Fahrt durch die Altstadt gesehen haben, lohnt sich. Wir laufen entlang der Hauptstraße. Links geht es zu einem meiner Lieblingsorte in Veliko Tarnovo, dem alten Basar. Direkt am Eingang steht der alte Han, türkisch für Karawanserei. Heute sind es zwar meist Souvenirs, die hier gehandelt werden, doch die Atmosphäre erinnert immer noch an einen türkischen Basar. In dieser Straße findet man die schönsten Häuser von Veliko Tarnovo, erbaut von reichen Händlern und Handwerkern. Glas aus Europa und Teppiche aus dem Orient. Hier trafen sich die Kulturen. Ein reger Austausch brachte der Stadt Reichtum.

Der Basar (inkl. Han) von Veliko Tarnovo.
Der Basar mit Karawanserei in Veliko Tarnovo.

Rechts der Hauptstraße gibt es ein paar super Aussichtspunkte und eine extra angelegte Terrasse. Hier blicken wir weit über die weißen Häuschen und das Denkmal. Auch dieses Denkmal und den vermeintlich tollen Blick von unten auf die Häuserfronten werden wir nie erleben. Denn wir müssen uns beeilen. Der Stress, verursacht durch unsere knappe Zeit lässt uns diese Erlebnisse verpassen. Trotzdem bietet die Terrasse einen Moment der Ruhe. einfach den Blick genießen, wenn wir schon nicht alles sehen können, dann wenigstens das wenige richtig.

Die Altstadt von Veliko Tarnovo.
Ein umwerfender Ausblick über Tarnovo.

Ein Abstecher in die engen Gassen unterhalb der Hauptstraße ist zwar sehr schön, doch scheint es mir als läge der beste Teil, den wir zuvor so mühevoll mit dem Auto passiert haben, bereits hinter uns. Zu weit, um noch einmal zurückzugehen. In diesem Augenblick wünsche ich mir nichts mehr, als Zeit. Zeit, hier an diesem schönen Ort länger zu bleiben. Zeit, um alles in Ruhe zu erkunden und Veliko Tarnovo die Wertschätzung zu geben, die es verdient. Doch diese Zeit haben wir nicht. Morgen geht es weiter bis Plovdiv und danach zum Rilakloster. Darum müssen wir weiter. Wir haben nur sechs Tage in Bulgarien.

Die Altstadt von Veliko Tarnovo, Bulgarien.
In den Gassen von Veliko Tarnovo.

Der Traum von Zeit – Ausblicke

Am Ende unseres Altstadtspaziergangs erreichen wir die gigantische Festung von Veliko Tarnovo. Auf einem Hügel in der Zitadelle steht eine Kirche. Von hier, aber auch schon von den Befestigungsmauern unterhalb, hat man einen wunderschönen Ausblick. Auf Veliko Tarnovo, auf die umliegenden Dörfer und die idyllische, bulgarische Natur. In den Dörfern stehen Kirchen und Moscheen. Alles hier sieht aus wie ein Gemälde des Balkans. Mystisch und idyllisch. An der Grenze zwischen Europa und der Türkei. Zwischen Orient und Okzident. Gerne würde ich hier mein Lager aufschlagen und ein paar Tage bleiben. Die Stadt in Ruhe erkunden, die umliegenden Dörfer besuchen. Egal, ob es etwas zu sehen gibt oder nicht. Denn die Atmosphäre hier ist die eigentliche Sehenswürdigkeit. Auch wenn Dutzende Tourbusse voll Touristen einen glauben lassen, die Festung wäre die einzige Sehenswürdigkeit.

Die Altstadt von Veliko Tarnovo.
Der lange Eingang zur mächtigen Festung.

Die Festung von Veliko Tarnovo.

 

Auf dem Parkplatz davor parken sie. In Reihen gegliedert. Der Ticketverkauf ist gut organisiert und dann strömen sie über die lange Brücke hinein in die Burg. Als gäbe es noch heute gigantische Schlachten, die hier ausgetragen werden müssen. Bewaffnet mit Spiegelreflexkameras schießen sie auf alles, was ihnen in den Weg kommt. Aussortiert wird später. Denn auch sie haben es eilig, auch sie empfinden Stress. Mit einer Busgruppe unterwegs zu sein, heißt einen festen Zeitplan zu haben. Es ist kein Raum für Planänderungen oder Individualität.

Dabei frage ich mich: “Was unterscheidet uns so sehr von dieser Busgruppe?”. Als vermeintliche Individualreisende haben wir doch Freiheit? Wir können unsere Pläne ändern. Ja, stimmt. Aber nur, wenn man Zeit hat. Und dazu reichen 6 Tage nicht. Auch 10 oder 12 Tage würden nicht viel ändern. Entweder man schränkt sich soweit ein, nur sehr wenige Orte in zehn Tagen zu besuchen, vielleicht drei oder vier, oder man hetzt sich durch ein festes Programm. Jeder Tag, ein neuer Ort. Egal, wie man sich entscheidet, auf einer kurzen Reise, es ist immer falsch. Entweder man hat das Gefühl, alles zu verpassen, weil man nur wenige Orte sieht oder man hat das Gefühl, zu sehr zu hetzen.

Die Altstadt von Veliko Tarnovo.
Von der Kirche auf dem Gipfel der Festung hat man einen gigantischen blick über die Altstadt von Tarnovo. anstrengend aber empfehlenswert!

Beim Anblick von so viel Schönheit, so vielen Orten, die nur darauf warten, erkundet zu werden, fragt man sich: Wieso tue ich mir das an, hier durchzuhetzen. Für den Moment, ist man überwältigt und man erlebt all die neuen Eindrücke. Doch wie kann man es wirklich genießen? Gerne würde ich mich einfach irgendwo hinsetzen und alles aufsaugen. An schönen Orten, einfach mal ein paar Tage bleiben, auch wenn ein Tag ausreichen würde, um alles zu sehen. Orte zu erkunden, in die sonst kein Tourist kommt, weil es keine großen Highlights zu bestaunen gibt und doch gibt es etwas zu sehen. Die wahre Welt, abseits der aufgepeppten Sehenswürdigkeiten, Interaktionen mit Menschen und authentische Erlebnisse. Wie zum Beispiel per Anhalter durch die iranischen Berge, wie ich es auf 1thingtodo berichtet habe (Teil 1 & Teil 2) oder zu Gast beim Tee bei einem türkischen Imam oder aber als Couchsurfer durch Tunesien. Und so bleiben die doch so schönen Erinnerungen an eine viel zu kurze Reise durch Bulgarien, die Hoffnung auf ein Wiedersehn und die Freude auf eine künftige Reise ohne Zeitdruck.

eines der umliegenden Dörfer von Veliko Tarnovo.
Ein Dorf ganz in der Nähe von Veliko Tarnovo

Ich hoffe, meine Gedanken über Zeitdruck und Reisedauer haben euch angeregt. Jetzt seid ihr dran, schreibt mir in den Kommentaren was ihr denkt. Wie seht ihr die Problematik von kurzen Reisen. Könnt ihr einen einwöchigen Urlaub genauso genießen wie eine einjährige Reise. Plant ihr von vornherein anders? Oder wünscht ihr euch, nur so lange zu reisen wie möglich?


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Die ehemalige Hauptstadt von Bulgarien. In Veliko Tarnovo lernte ich eine unbegrenzte Reise ohne Zeitdruck zu schätzen.

Kommentare

    1. Autor
      des Beitrages
      wasgesternwar

      Das ist ja schade. 🙁 Die Stadt ist wirklich wunderschön. Ich würde auch gerne nochmal unter anderen Umständen die Stadt besuchen.

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