Ein Land vor der Zeit

Als ich die Grenze vom Iran nach Armenien überquere, ist es wie eine Zeitreise. Direkt in die Sowjetunion. Russische Ladas rollen auf den Straßen, welche zum Teil in einem furchtbaren Zustand sind. Mich umgeben große Plattenbauten und alles scheint russisch. Kein Mensch versteht auch nur ein Wort Englisch. Im Gegenzug ist jeder entsetzt, wenn man selbst kein Russisch spricht. Auch alle Schilder sind nur armenisch und russisch. Trotzdem gefällt es mir schon jetzt oder gerade deswegen. Nach sechs Wochen Iran ist es richtig erfrischend. Fast schon ein Kulturschock. Im Supermarkt gibt es Alkohol und die Frauen sind alles andere als verschleiert. Auch ist es sehr bequem, einfach wieder einen Geldautomaten benutzen zu können.

Mit Armenien hätte ich keinen besseren Start haben können als hier in Meghri, dem malerischen, armenischen Grenzörtchen. Wein rankt an den Häuschen empor und über den Straßen, welche sich am Hang entlang winden. Kleine sympathische Bauten konkurrieren mit den gigantischen Betonklötzen außerhalb des Zentrums. Es gibt eine nette, armenische Kirche, eine kleine Befestigung und einen idyllischen Dorfplatz, umgeben von kleinen Tante-Emma-Läden. Genau hier setze ich mich mit einer frittierten Kartoffeltasche und meinem ersten Bier nach über sechs Wochen Islam nieder. Ich beobachte die Menschen, deren äußeres Erscheinungsbild, aufgrund der geographischen Nähe sehr iranisch wirkt.  Dunkle Haare, von der Sonne gezeichnete Haut und Monobrauen. Ihr Verhalten ist aber gar nicht iranisch. Sie trinken Kaffee, oder gar Bier, statt Tee. Unverheiratete und nicht-verwandte Männer und Frauen können hier ohne Probleme nebeneinander sitzen. Die Frauen tragen kurze Kleider und High-Heels.

Auch viele Gewohnheiten sind hier anders. Hat es doch im Iran zwei Stunden gedauert, bis mich ein Auto an die Grenze per Anhalter mitgenommen hat, so ging es von der Grenze bis in das kleine Dörfchen in ein paar Minuten. Im Iran weiß Keiner was Auto-Stop überhaupt ist, in Armenien ist es Alltag. Genauer gesagt, hat mich ein hilfsbereiter Mann in Armenien an der Tankstelle sogar angesprochen und mir angeboten, mich mitzunehmen.
Das Highlight des Tages war aber das Abendessen in meinem Guesthouse. Ich wollte mir mal etwas gönnen und nahm das etwas teure Dinner in meiner Unterkunft. Als mich die Besitzerin zum Essen rief, saß ich im wunderschönen Garten. Drinnen fragte ich mich, wo die anderen fünf Leute für das Essen waren.  Gedeckt war jedoch nur für eine Person, für mich. Und auch wenn ich richtig hungrig war und viel essen kann, wenn ich will, es war einfach zu viel. Suppe, Brot, Käse, Hühnchen, Kartoffeln, verschiedenste Salate und eingelegtes Gemüse. Alles schmecke einfach genial und war erneut eine tolle Abwechslung zum iranischen Essen. Selbst für mich als Fleischliebhaber war etwas Gemüse mal eine tolle Abwechslung.

Abendessen

Am nächsten Tag musste ich früh aufstehen, um den Bus nach Goris zu erwischen. Drei Stunden Busfahrt trennten mich von dort, doch es fühlte sich wie zwölf an. Eine schlechte Straße und ein winziger Minibus, bei dem sogar ich mit 1,70m mit den Knien am Vordersitz anstieß. Hinzu kam, dass es eine sehr bergige, kurvenreiche Straße war, und sogar meinem leiderprobten Magen  gefiel die Fahrt nicht.

In Goris angekommen, wurde ich aber auch sofort entschädigt. Kaum hatte ich meine Unterkunft bezogen, schlenderte ich ziellos durch die Stadt und stolperte in eine Vorführung des Militärs. Sie hatten eine große Stuntshow mit Feuer und Karatetricks einstudiert. Sie zerschlugen Ziegel und sprangen über brennende Hindernisse. Als die Show vorüber war, spazierte ich weiter durch die Innenstadt. Das neue Stadtzentrum bestand hauptsächlich aus modernen Sowjetbauten, was auch seinen Charme hatte. Die eigentliche Attraktion in Goris, ist aber der alte Teil des Dorfes. Hier gibt es zahlreiche, von Menschenhand geschaffene Höhlen, welche auch heute noch als Ställe genutzt werden. So war es sehr amüsant, die einzelnen Höhlen zu erkunden und von Schweinen oder Kühen überrascht zu werden. Auch die Kirche im Ort war sehr schön und allgemein hatte der Ort wirklich viel Charme. Geschockt war ich nur über die Preise für Lebensmittel. Ein Kilo Aprikosen 40 Cent; ein riesiger Laib Brot 30 Cent. Im Gegensatz zu den Restaurantpreisen, waren Lebensmittel im Supermarkt spottbillig.

An meinem zweiten Tag in Goris machte ich einen Ausflug nach Tatev. Ein großes, armenisches Kloster, dramatisch an einer steilen Felsklippe gelegen. Nach oben ging es mit der brandneuen Seilbahn, von welcher man einen herrlichen Blick auf die Landschaft hatte. Es war wohl die schönste Art und Weise zum Kloster zu gelangen. Von hoch oben sah man den dichten Wald und den Canyon, zu welchem ich später noch wandern wollte. Zunächst aber erreichte die Gondel ihr Ziel und unweit von dort sah man die Dächer der Kirche zwischen Bäumen hervorspitzeln. Erneut gab es eine riesige Anlage zu besichtigen. Zur einen Seite hin war das Kloster mit einer Mauer und Türmen abgegrenzt, zur anderen erübrigte sich das, denn hier ging es senkrecht bergab. Als ich in die Hauptkirche stolperte, wurde hier zufällig gerade eine Messe gehalten.

Ein paar Leute stehen um mich, die meisten davon sind Armenier. Auch sie lauschen den fünf singenden Frauen, welche alle ein seltsames, symbolisches Kopftuch tragen. Es verhüllt nichts und ist auch noch halb durchsichtig. Plötzlich öffnet sich der Vorhang, der den Altar verdeckt hat. Dahinter steht der Priester und drei Messdiener. Auch sie stimmen in den Gesang ein und laufen dabei eine Runde durch die Kirche, bei der sie eine Fahne mit sich tragen.  Jeder der anwesenden Armenier berührt den Stab und küsst den Wimpel, bevor die Prozedur noch einmal mit der Bibel wiederholt wird. Erneut küsst jeder die ihnen heilige Schrift. Es wird Weihrauch verströmt und gesättigt mit so viel Religion verlasse ich die Kirche.
Einen Kilometer laufe ich, entlang einer Schotterpiste in einem großen Bogen um das Kloster, um einen guten Blick auf seine imposante Lage zu bekommen.

Anschließend breche ich zu einer kleinen Wanderung auf. Immer bergab geht es, durch den Wald, zu einem zweiten Kloster, welches mich auf Anhieb begeistert. Tatev war schön und gut, aber einfach zu stark restauriert. Die Hälfte der Steine war neu und man fühlte nicht wirklich, dass man in einem antiken Kloster war. Hier aber, bei dem zweiten Komplex war das anders. Völlig überwuchert und etwas verfallen. Ich hatte ein richtiges Entdeckergefühl, als ich ganz alleine die düstere Kirche betrat. Im Hof hatte ich ein kleines Picknick und aß sicher ein halbes Kilo zuckersüßer Aprikosen.

Nach zwei Klöstern, ging es jetzt durch eine atemberaubende Schlucht weiter, zur sogenannten Teufelsbrücke. Ein riesiger Fels, der in der Schlucht eine natürliche Brücke bildet. Direkt unter dem Felsbrocken befand sich eine heiße Quelle, welche man durch etwas Klettern erreichen konnte.

Zurück ging es von hier per Anhalter. Es dauerte zwar etwas länger, funktionierte aber letzten Endes einwandfrei.

Kommentare

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