Endlich raus!

Nach 6 Tagen in Kathmandu war es endlich an der Zeit, raus zu kommen. Es war an der Zeit, den Radius zu erweitern und auch Zeit für die erste Wanderung. Auch wenn es nur eine Tagestour werden sollte.

Den Großteil meines Gepäcks ließ ich in Kathmandu und so ging es früh morgens mit dem Bus zunächst nach Bhaktapur. Diesmal sogar mit Sitzplatz und ohne ungewollt, übermäßigen Körperkontakt. Als ich ankam lief ich zunächst völlig ohne Ziel umher. An diesem Tag fand das nepalesische Neujahr statt. Als ich an einem Schrein, nur ein kleiner überdachter Altar, ankam, merkte ich, was das hier in Nepal bedeutet.

Blut

Eine Gruppe Einheimischer steht dicht gedrängt vor dem turmartigen Heiligtum. Es wird laut gerufen und die Leute in den hinteren Reihen versuchen, sich noch weiter nach vorne zu mogeln. Eine Hand greift aus dem Tempel nach etwas, ich kann es nicht sehen. Ich trete näher an den Schrein. Plötzlich schaue ich nach unten. Zuerst sehe ich Federn, überall verstreut. Dann dickflüssige, rote Spritzer. Blut. Was ist hier passiert? In dem Moment, als ich mich umschaue, sehe ich, wie eine Frau einen lebenden Hahn zum Altar trägt. Jetzt versteh ich. Hier werden Tiere geopfert. Diesmal sehe ich, wie zuerst die Kehle durchtrennt wird und dann der Kopf des Vogels auf einem metallenen Teller auf den Opferaltar gelegt wird. Danach bringen die Leute vermutlich den Hahn zurück nach Hause, um ihn als Festmahl zuzubereiten.

Für uns etwas bizarr, aber vermutlich im Hinduismus normal. Manche der Leute scheinen größere Tierfreunde zu sein und haben das Tier scheinbar schon zuhause geschlachtet, statt es noch unnötig in der Öffentlichkeit zu stressen und zu quälen. Sie tragen nur den Kopf auf einem goldenen Teller mit ein paar Blumen zum Altar.
Langsam fange ich an, mich zu orientieren und finde mich unweit des Durbarplatzes von Bhaktapur wieder. Hier wird auch kräftig gefeiert und eine Liveband spielt. Ein paar wenige Männer tanzen sogar. Ich setzte mich auf die Stufen und beobachte das Ganze. Erst einmal, muss ich mir über den Trubel bewusst werden. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wollte nur die Stadt anschauen, bevor es nachmittags nach Sarangkot weitergehen sollte. Aber ich freute mich, bei so einer Feier dabei zu sein. Es war eine willkommene Überraschung, Altstädte hatte ich schon genug gesehen, eine solche Feier noch keine.
Nach einiger Zeit machte ich mich weiter auf zum Durbarplatz. Dort gab es wie üblich viele Tempel und einen Palast. Das Highlight bestand aus einem goldenen Tor und einem ganz besonderen Tempel. Der Schrein hatte sehr besondere Schnitzereien…

Zum Schluss meines großen Spaziergangs landete ich an einem Platz, wo riesige, hölzerne Festwägen durch die Stadt gezogen wurden. Ihre Bauweise ähnelte der der turmartigen Schreine. Kinder saßen auf ihnen und die Stimmung war ausgelassen und lustig.

Irgendwann war es auch genug und ich musste weiter. Am späten Nachmittag noch fuhr ich nach Nagarkot, berühmt für die tolle Aussicht auf den Himalaya.
In einem mal wieder völlig überladenen Lokalbus ging es die Passstraßen auf fast 2000 Meter hinauf. Wir gerieten auch noch in einen Stau, was die beklemmende Enge nur noch schlimmer machte.
Froh, mich wieder bewegen zu können, machte ich mich auf die Zimmersuche. Leider war ja heute nepalesisches Neujahr und am Tag zuvor war, wie ich erfuhr, eine große Silvesterparty gewesen. Deshalb waren fast alle der Hotels, bei denen ich fragte ausgebucht oder viel zu teuer. Letzten Endes entschied ich mich für ein ranziges Zimmer mit kaltem Wasser zum Duschen für sechs Dollar. Diesmal war es eher eine Unangenehme Überraschung, wie das nepalesische Neujahr meine Pläne veränderte. Ich empfand allgemein Nagarkot als nicht schön, nur eine Ansammlung von Hotels. Bewölkt war es zu allem Übel auch noch.

Ohne eine Chance auf guten Sicht auf den Himalaya und mit einem unansehnlichen Ort im Rücken machte ich mich am nächsten Tag früh nach Dhulikel auf. 20 km lang ging es zu Fuß auf einem relativ gut beschilderten Weg durch die atemberaubende Landschaft. Der Pfad war eine Initiative des Tourismusbüros und deshalb sehr gut ausgeschildert und leicht selbst zu finden. Vorbei an einzelnen Dörfern, ging es zunächst auf einer groben Schotterpiste. Grüne Schilder wiesen mir den Weg, auch wenn die herrliche Umgebung es leicht machte, sie zu verpassen. Die Blicke in die Täler waren einmalig. Die morgendliche Stimmung tauchte die stufenartig angelegten Hänge in ein schimmerndes blau und der Nebel verschleierte die Täler.

Nach langem Laufen, zweigten irgendwann endlos wirkende Treppen hinunter ins Tal ab. So ging es ein ganz schönes Stück, bis man an einem Sattel ankam. Von dort ging es ein letztes Mal steil bergauf. Ich war mir mit der Richtung etwas unsicher und fragte ein paar Kinder. Sie konnten recht gutes Englisch und fragten mich, woher ich komme und waren ganz begeistert vom  Fußballweltmeister zu hören. Als sie mir den Weg wiesen und ich weiterging, riefen sie auf einmal “Hello money” und “ten rupees”. Ich tat so, als würde ich nichts hören und ging weiter. Schon winkte mich eine Frau heran. Sie hatte ein paar Ziegen und einen gewaltigen Büffel bei sich. Ich fragte nach meinem Ziel Dhulikel und sie zeigte mir die Richtung. Wir gingen ein Stück gemeinsam. Als sich unsere Wege trennten, zeichnete sie sogar noch eine Karte in den Sand und versuchte mir, wie ich glaubte, klar zu machen, ich solle diesem Pfad folgen, nicht abbiegen und über den Gipfel hinweg. Oben angekommen, machte ich eine Verschnaufpause. Der Blick war fantastisch und es war, wie ich glaubte, auch gar nicht mehr so weit. Vielleicht sah ich mein Ziel sogar schon.

Durch zahlreiche Dörfchen stieg ich ab ins Tal. Die Leute waren, wie schon zuvor, extrem freundlich. An jeder Stelle, an der ich zweifelte, waren hilfsbereite Dorfbewohner zur Stelle und wiesen mir den Weg. Alles klappte super bis zum letzten Dorf. Nicht einmal mehr ein Kilometer bis zur Hauptstraße, die mich die letzten Meter zum Ziel bringen würde. Doch hier, so kurz vor dem Ende und so kurz vor dem Ende eines perfekten Tages, wurde ich drei Mal von Hunden attackiert. Zum Glück wurde ich letzten Endes nicht gebissen, die Situation war aber immer sehr unangenehm, da die Hunde extrem aggressiv wirkten.

Letzten Endes fand ich, immer noch sichtlich geschockt, eine nette Pension bei einem alten Ehepaar. Den Rest des Tages erholte ich meine Füße von dem Zwanzig-Kilometermarsch. Etwas später, spazierte ich noch einmal durch das Dörfchen, das ein paar alte newarische Gebäude besaß und schaute mir den Shivatempel an, der direkt gegenüber von meiner Unterkunft war. Zu Abend aß ich in der Pension mit drei weiteren Gästen. Wir lernten uns bei einer Art romantischem Candle Light Dinner kennen, da der Strom gerade ausgefallen war und wir somit bei Kerzenschein auf der Terrasse speisten…

Kommentare

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