Gefangen im Sandsturm – Douz

Das Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor Reisen in die Sahara-Regionen und die Grenzgebiete zu Algerien. Trotzdem erträumte ich mir die Übernachtung in den Dünen bei Douz als ein Highlight. Ein Ritt auf einem Kamel. Abends,  in einem endlosen Meer aus Sand essen. Eine Übernachtung im 10.000 Sterne-Hotel. Abgeschiedenheit und Ruhe. So hatte ich mir meine begrenzte Zeit in der Wüste vorgestellt. Tahar, mein Couchsurfing-Host in Tunis, hatte bereits dafür gesorgt, dass alles organisiert war. Ein kurzer Anruf bei einem Freund und – zack, alles war geklärt. Sein Freund Naim würde mich in die Wüste begleiten und wir würden alles so machen, wie ich es mir vorgestellt hatte. So weit so gut. Doch, dass Mutter Natur auch ein Wörtchen mitzureden hat, daran hatte ich nicht gedacht.

Ein Eselskarren in Douz
Straßenszene in Douz

Ödnis in der Wüste

Von Sfax nahm ich eine Louage nach Gabes, wo ich in ein weiteres Sammeltaxi nach Douz umsteigen konnte. An der Busstation besorgte ich mir ein Ticket für das nächste Taxi. Wir standen hier mitten im Nirgendwo. Ein kleiner, gemauerter Verschlag als Warteraum und Ticketverkauf. Ein paar Männer saßen auf alten Plastikstühlen, rauchten und tranken genüsslich ihren Kaffee. Während der Wartezeit rief ich meinen Kontakt Naim an, der starke Wind blies mir mehrere Male Sand ins Gesicht. Es klingelte. Nach langer Zeit antwortete ein Mann auf Tunesisch. Ich erklärte Naim, wer ich bin. Begeistert versprach er mir, er würde in einem Café in der Nähe der Busstation warten. “Perfekt!”, erwiderte ich. Erneut saß ich allein an der Louagestation, in der Hoffnung, das Taxi würde bald losfahren. Plötzlich fanden sich ein paar weitere Passagiere. Mein staubiger Rucksack wurde mit dem restlichen Gepäck in das Taxi gehievt und es ging los.

Durch öde Wüstenlandschaft ging es auf staubigen Straßen voran. Zweimal hielten wir an einer Polizeisperre. Viele Autos und insbesondere Taxis wurden durchsucht. Erst vor wenigen Tagen, gab es hier eine Schießerei, bei der nachts drei Polizisten getötet wurden. Ein Mann blickte in unser Taxi. Alle kramten eilig in ihren Taschen. Auch ich zog meinen Pass hervor. Doch meiner wurde mir sofort zurückgereicht, während der schwer bewaffnete Polizist die anderen Pässe kontrollierte. Dabei hingen große Gewehre um seine Schulter und die seines Kollegen. “Alles bestens, weiterfahren!”, hieß es dann. Jeder bekam seinen Pass zurück. Nur kurz wurde so die Monotonie der Fahrt unterbrochen.

Neue, alte Freunde

In Douz angekommen, nahm Naim mich sofort wie einen alten Freund in Empfang. Zusammen mit einem weiteren Freund, Ali, tranken wir dann erstmal Kaffee und lernten uns kennen. Erneut saß ich im Staub der Sahara, in einem kleinen Café, direkt neben dem sandigen Platz der Busstation. Kleine, bunte Plastikhocker und ein Aschenbecher auf dem klapprigen Tisch waren die einzige Einrichtung.

Naim erzählte mir von seinem Leben hier und wie schwer es die Leute trifft, dass keine Touristen mehr hier sind. Er und Ali arbeiteten früher beide gelegentlich als Fremdenführer in Douz. Heute sind es nur noch ein paar wenige Besucher, hauptsächlich Camper und Geländewagenfahrer. Ali ist deswegen eigentlich schon lange fort von hier. Er arbeitet mittlerweile in Frankreich und ist nur ab und an zu Besuch in der kleinen Stadt. Naim hatte es noch schlimmer getroffen, er ist seither arbeitslos. Sein Englisch ist begrenzt und vermutlich ist es ohne ausreichende finanzielle Mittel und ein Studium unmöglich, einen Job im Ausland zu finden.

“Früher war es das Paradies”, schwärmten die beiden. “Der Palmengarten war gepflegt und sauber”. “Heute sind viele der Felder verkommen und voller Müll”, beklagt sich Ali. “Touristinnen liefen ohne Angst, nachts und allein durch die Palmerie.”, sinnierte Ali. Touristen strömten in die Stadt, in der Hoffnung auf ein paar entspannte Tage in der Wüste. Die Menschen konnten vom Tourismus gut leben. Heute sind viele Hotels geschlossen. “Heute haben die Leute Angst”, beklagten sie sich. Doch warum? “Hier in der Wüste ist nie etwas passiert!”, schnaufte Ali.

In der Tat, hatte es Tunesien die letzten Jahre nicht leicht. Und dass es einige Sicherheitsprobleme gab, ist nicht zu verleugnen. Aber auf meiner ganzen Reise hatte ich nie Zweifel oder Angst. Man kann nur hoffen, dass bald mehr Menschen dies erkennen und der Tourismus wieder Einzug findet in Tunesien. Zum Wohle der Tunesier und Tunesierinnen und der Wirtschaft. Es bleibt die Frage: “Warum warnt das Auswärtige Amt vor einer Reise hierher?”

Palmerie in Douz
Die Palmenoase heute, es finden sich immer noch allerlei schöne Orte.

Alternativplanung

Naim und Ali waren mir von Grund auf sympathisch und so verging sicher eine Stunde, bevor wir auf meinen Sahara-Ausflug zu sprechen kamen. Naim wies mich darauf hin, dass, wie ich selbst schon bemerkt hatte, ein sehr starker Wind wehte. Die Wüstentour hatte bei so einem Sturm einfach wenig Sinn. Essen, während der Wind alles mit Sand bedeckt, ist wohl kein Spaß. Und auch sonst, bläst der Wind einfach zu stark und schon das Umherlaufen ist stellenweise unangenehm. Ali und Naim brachten mich zu einem Hotel in Douz. Für nur 8 Euro bekam ich ein Zimmer. Anschließend aßen Naim und ich noch sehr leckeren Couscous. Der Wind schien etwas nachzulassen und so beschlossen wir, dass ich wenigstens einen kurzen Kamelritt in die Dünen unternehmen könnte. Ich dachte mir, besser sehe ich die Wüste kurz, als gar nicht. Da Ali und Naim sowieso nicht viel zu tun hatten, begleiteten sie mich.

Das Paradies

Wir spazierten zunächst gemeinsam durch die Palmerie von Douz. Von diesem Ort hatte Naim mir bereits erzählt. Für ihn war er einmal das Paradies gewesen. Heute sei es vermüllt und ungepflegt. Ich konnte den beiden ihre Liebe zu diesem Ort ansehen, schließlich taten sie ihr Bestes, ihn wieder auf Vordermann zu bringen: Mal wurde ein riesiges Dattelpalmenblatt beiseite geräumt, mal etwas Müll aufgesammelt. Trotzdem empfand ich die Oase als etwas besonderes und kann nur hoffen, dass sie bald wieder zu solch einem Paradies wird.

Ein besonders schöner Augenblick, und gleichzeitig ein Trauriger, war, als wir einen Vogel fanden, der sich vermutlich den Flügel gebrochen hatte. Laut Ali und Naim sei dieser Vogel hier sehr selten anzutreffen und Ali wollte sofort ein Bild. Das prächtige rote Federkleid, die Krone aus Federn und der lange Schnabel passten gut in das Bild des paradiesischen Gartens.

“Früher war es das Paradies! Heute haben die Leute Angst!”

Ein besonders seltener Vogel in Douz
Ali war überglücklich, diesen seltenen Vogel zu finden.
Ein roter Vogel in Douz
Der prächtige rote Vogel in der Palmenoase.

Sandsturm

Am Anfang der Sahara angekommen, sah ich einen großen Verleih von Kamelen und Quads. Für 60 Dinar mietete ich ein Dromedar samt Führer für 2 Stunden. Der Ritt war anstrengend und man konnte die komplette Zeit nur in eine Richtung schauen. Wir waren bedeckt mit Sand und die Augen begannen zu verkleben. Selbst mein Führer schien schwer zu leiden, sollte er es doch noch mehr gewohnt sein. Trotzdem konnte ich zumindest einen Hauch der Wüste erhaschen.

Nach nur wenigen Minuten war man von Sanddünen umgeben. Die schlechte Sicht und der starke Wind zauberten aber auch ein ganz besonderes Bild. Die Muster im Sand und das monotone Braun zogen mich mit, in eine andere Welt. Nach einer Stunde kamen wir an eine kleine Kuppe mit Palmen. Hier konnten wir eine Pause einlegen und waren halbwegs vom Wind geschützt. Meine Beine zitterten. Schon eine Stunde hatte mich völlig ausgelaugt. Meine komplette Kleidung war voll mit Sand, es machte nun auch keinen Unterschied mehr und ich legte mich vor Erschöpfung auf den Boden…

Der Sandsturm in der Sahara bei Douz
Der Sandsturm hatte auch seine schönen Seiten.
Ein Ksmelritt in Douz in der Sahara
In einer ruhigen Minute auf meinem Dromedar.

Nach der Pause ritten wir zurück, immer dem Sonnenuntergang entgegen. Der Gedanke an eine Karawane verließ meinen Kopf nicht. Hoffentlich sollte es bald ein weniger windiges Wiedersehen mit der Wüste geben. Alles in allem, war der Ritt eine gute Erfahrung, aber bei so einem Sandsturm würde ich es nicht noch einmal machen. Ich denke, ein mehrtägiger Trip, vorzugsweise mit dem Geländewagen, ist die beste Möglichkeit, um die Wüste zu sehen. Naim hatte mir voller Begeisterung Bilder von langen Touren durch die Wüste gezeigt. Wer die nötige Zeit und das Geld hat, sollte dies ernsthaft in Erwägung ziehen.

Sonnenuntergang in Douz
Sonnenuntergang in der Sahara

Genialer Abschluss eines durchwachsenen Tages in Douz

Nachdem mein kleiner Ritt zu Ende war, nahmen mich Ali und Naim mit, in eine Art Bar, direkt ums Eck. Hier, direkt neben der Sahara, an der Grenze zu Algerien, saßen wir, tranken Bier und plauderten. Man musste an eine alte, hölzerne Türe klopfen und wurde dann durch einen Hof in ein Gemäuer mit weit verteilten Tischen geführt. Es war ein aufregendes Gefühl. Irgendwann gesellten sich noch zwei weitere Freunde von Naim zu uns und wir tranken gutes, tunesisches Bier und Wein.

In einer Bar in Douz
Der bunte Haufen in der Bar

Und als hätte der Abend nicht noch besser werden können, lud mich Naim noch zu seiner Familie zum Essen ein. Ich lernte seine Eltern und Geschwister kennen. Sie wohnten nicht weit von meinem Hotel. Gemeinsam mit Naim aß ich, wie fast überall in Tunesien Couscous. Dafür hausgemacht und der beste Couscous meiner Reise. Später kam auch Ali noch einmal zu uns. So plauderten wir bis in die Nacht hinein. Ein gebührender Abschluss für solch einen spannenden Tag mit Sandstürmen, einem Ritt durch die Wüste und einer Bar an der algerischen Grenze.

Das Paradies in Douz

 

Kommentare

  1. Pingback: Wie sicher ist eine Reise nach Tunesien? | wasgesternwar.com

  2. der Muger

    Der Vogel ist ein Wiedehopf – und so richtig schön wird es eigentlich erst 100 Kilometer südlich von Douz. Oder drüben in Algerien 😉

    liebe Grüsse vom Muger

    1. Autor
      des Beitrages
      wasgesternwar

      Vielen Dank für den Kommentar Muger! Wieder etwas gelernt. 🙂 Ja das Sperrgebiet im Süden ist natürlich super für jeden Wüstenfan, aber da meine Pläne für die Wüste ohnehin vom Winde verweht wurden war es schon ok so. Außerdem ist es weitaus aufwendiger und teurer dort zu reisen und ich hatte bei weitem nicht genug Zeit für eine mehrtäge Tour dort. 🙁 Insbesondere da zur Zeit kaum Touristen im Land sind und es schwer wird jemanden für eine gemeinsame Tour zu finden. Algerien steht aber schon weit oben auf der Reiseliste, kommt also bald. 😉

      Liebe Grüße zurück
      Olli von wasgesternwar

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