Im Sivas des 13ten Jahrhunderts.

Beim Betreten der Plätze wird jeder fromme Muslim gottesfürchtig”, behauptet mein Begleiter Umut. Hier im Herzen des blühenden Sivas des 13ten Jarhunderts stehen drei Medressen und eine Moschee.

Er hat Recht. Nicht nur Muslime, sondern auch ich muss staunen und bewundere diese gigantischen Bauten zu Ehren Allahs. Der Mann mit dem langen, dunklen Vollbart und der traditionellen, dunklen Kleidung eines Gelehrten schreitet eilig voran, einmal quer über den Platz zu einer Medresse und ich folge Umut zu seiner Unterrichtsstunde. Sein langes Gewand schwingt rhythmisch. Voller Bewunderung sehe ich, wie sein turbanartig gewickeltes Kopftuch nicht von seinem Kopf rutscht, während er schnell läuft.

Medressen dienen im alten, seldschukischen Imperium als religiöse Schulen, in denen als Kerndisziplinen das islamische Recht, Arabisch und der Koran gelehrt werden. Auf dem geschäftigen Platz mache ich noch weitere Gelehrte und Schüler aus, leicht zu erkennen an Schriftrollen, die sie mit sich führen und auch an ihren Gewändern. Auch Händler ziehen ihre Karren über den Platz zum nahe gelegenen Basar. Es riecht nach orientalischen Gewürzen und von so manchem Wagen funkeln bunt gefärbte Stoffe. Sivas ist ein belebtes Handelszentrum und Umut ertappt mich bei meinem Staunen, “Viele der hier angebotenen Waren kommen über die Seidenstraße aus fernen Ländern. Aus dem  fernen  Afghanistan, Indien oder China. Wahre Schätze, für die so mancher Mann sein Leben lassen musste, um sie hierher zu transportieren.

PlatzBelebtKünstlerisch
Der belebte Platz im Herzen Sivas.

Stadtführung mit einem Koranschüler

Der religiöse, junge Mann ist ganz aufgeregt, als er mir verspricht, die Stadt zu zeigen. Jetzt muss er aber erst zu seiner Arabisch Stunde, die Sprache des Korans. Des Weiteren gibt es auch Fortgeschrittenenkurse in anderen Fremdsprachen, Literatur und Medizin, wie mir Umut erklärt. Leider darf ich dem Unterricht nicht beiwohnen, was mir Zeit gibt, über den imposanten Platz zu schlendern. Direkt gegenüber von Umuts Schule ist eine weitere Medresse, die als Krankenhaus dient.
Ähnlich beeindruckend, erinnern mich die gigantischen Diwane (Eingangsportale) an die iranische Architektur. Bis dorthin erstreckt sich das Reich der Seldschuken, erklärt mir Umut, als wir uns am Eingang der Medressen wiedertreffen. Sowohl über den Iran als auch über den heutigen Irak und Nordsyrien erstreckt sich das mächtige Imperium. Die Vorfahren der Seldschuken stammen aus Zentralasien, was man auch an der Architektur erkennt. Zum Beispiel der runde, dicke Turm, Türbesi genannt, ist das Grab eines ehemaligen Gelehrten und ist mit in die Koranschule integriert. Stolz verweist der junge Gelehrte auf die wunderschönen, blauen Fliesen an den Minaretten.

TürbesiGemalt
Das Grab (Türbesi)

Starker türkischer Kaffe in Sivas

Besonders prächtig, behauptet er, sei die Gök Medresse (himmelsblaue Medresse) etwas weiter außerhalb. Um es mir zu beweisen, schlendern wir dorthin. Völlig in blau gekleidet, strahlen die Minarette und die mächtige Kuppel. Die weiteren Sehenswürdigkeiten in Sivas sind eher austauschbar und ähnlich jeder türkischen Kleinstadt. So verbringen Umut und ich den restlichen Tag auf dem großen Platz im Herzen der Stadt. Umut und ich trinken eine Tasse starken, türkischen Kaffee. Doch irgendwie schmeckt der Kaffee komisch und ich blicke auf meine Tasse. Verwirrt schaue ich auf ein Teeglas, das ich in der Hand halte. Als ich wieder nach oben zu meinem Begleiter blicke, ist er verschwunden. Es reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich befinde mich nicht mehr im Sivas des 13ten Jahrhunderts und auch um mich hat sich alles verändert. Die Händler, die Karren und der Orient sind verflogen. Lärmende  Autos und Abgase begrüßen mich, zurück im 21. Jahrhunderts. Auch wenn die glorreichen Tage Sivas schon vorüber sind und es heute nicht viel mehr als eine türkische Kleinstadt ist, so gibt es dennoch noch genug prächtige Bauten, die von der glänzenden Vergangenheit zeugen. Vielleicht nichts, was man unbedingt gesehen haben muss, für mich als großen Liebhaber der seldschukischen Baukunst dennoch einen Nachmittag wert. So will ich mir auch am darauffolgenden Tag in Kayseri die verbliebenen Schätze des vergangenen Imperiums anschauen.

 

MedresseNacht
Eine der Medressen bei Nacht.

Kommentare

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