One night in Tiflis

Der Fernseher läuft, aber ohne Ton. Die Stühle, auf denen man sitzt sind abgewetzt. Das Lokal, in dem ich zu Abend esse befindet sich im Keller, direkt an einer der geschäftigsten Straßen Tiblisis. Dunkles Holz und Teppiche an den Wänden prägen das Bild und Trennwände halten Blicke zum Nachbartisch ab. Die Leute wollen für sich sein. Nur über den Gang hinweg erblickt man andere Gesichter. Typisch georgisch, steht auf fast jedem Tisch eine Schnapsflasche. Alkohol gehört hier zum Alltag. Es passiert nicht selten, dass der Taxifahrer ein Gläschen Cha Cha, lokalen Traubenschnaps, anbietet. Oder in einer anderen Situation: man will eigentlich nur etwas essen, endet aber mit einem Fläschchen Wodka auf dem Tisch.

Gegenüber spielt ein junger Mann Gitarre. Sein Gesang hallt durch den Raum. Etwas melancholisch und trotzdem positiv klingt das “dadidadida” des Refrains. Meine Gedanken schweifen ab und man vergisst für kurze Zeit, wo man ist. Seine Stimme klingt rau und bedacht. Längst bin ich abgedriftet, in ein weit düstereres Kellergewölbe, nur von Kerzen beleuchtet. Ich vergesse die moderne Stadt über mir, die hupenden Autos und die Werbereklamen, nun befinde ich mich, in Gedanken, nicht mehr im Tiflis des 21. Jahrhunderts. Ich stelle mir vor, wie ich hier mit Händlern, Arbeitern und Reisenden aus dem Mittelalter speise.

Mein Essen wird gebracht. Khinkali. Gedämpfte Teigtaschen, fast wie Maultaschen. Man bestellt stückweise und kann zwischen verschiedensten Füllungen auswählen. Mit Fleisch, Pilzen, Kartoffeln oder Käse. Ich schmause und lausche weiter der Musik. Dann wird am Nebentisch Wodka eingeschenkt, es wird laut und ich bezahle. Günstig sind diese Khinkalis auch noch. Kaum 3€ zahle ich für mein Abendessen.

Es geht die Stufen wieder nach oben. Ich werde vom lärmenden Verkehr begrüßt. Ein beleuchtetes Gebäude auf der anderen Straßenseite erinnert mich daran, was für eine schöne Stadt Tiflis doch ist. Heute ist auch schon mein letzter Abend in der Stadt und ich schlendere ziellos umher. Zuerst entlang der ‘Rustaveli’. Einem großen Boulevard mit teuren Geschäften und Hotels, welcher am ‘Platz der Freiheit’ endet. In der Mitte steht eine große, goldene Säule und es gibt ein weiteres tolles Khinkali-Restaurant. In einem Bogen spaziere ich zu einem der beleuchteten Überreste der alten Stadtmauer. Von dort weiter in Richtung Altstadt durch die erleuchteten, lauschigen Gassen mit zahlreichen Bars und Restaurants. Die wichtigste Straße der Altstadt, die “kote abkhazi”.

Es gibt gefühlt Tausende von Kirchen und jede erstrahlt im goldenen Scheinwerferlicht, ebenso wie die alte persische Festung, die über der Stadt thront. Bei weitem moderner ist die Fußgängerbrücke über den Fluss “Mtkvari” die ich nun erreiche. Die sogenannte ‘Friedensbrücke’ wird von vielen Einheimischen  auch als “always bridge” bezeichnet. Wegen der charakteristischen Form einer Damenbinde. Beim Überqueren der Brücke beobachte ich zahlreiche Touristen, wie sie Selfies von sich schießen. Jeder ist fasziniert von den vielen Lichtern, welche jeden Abend die georgische Hauptstadt erhellen.

Von der anderen Seite aus beobachte ich die Stadt. Ich setze mich in den schönen Park und genieße den Blick auf die Stadt und die Festung. Um mich beobachte ich all die Urlauber die ihre Ferien in möglichst vielen Bildern festhalten wollen. Es werden Urlaubsoutfits präsentiert. Bei jedem Foto wird ein flüchtiges Lächeln aufgesetzt, anschließend wird wieder angestrengt nach der nächsten Bildmöglichkeit gesucht, um sich in Szene zu setzten. Etwas später schlendere ich zurück zu meinem Hostel. Bevor ich schlafe, sitze ich noch etwas mit den anderen Gästen vor der Unterkunft.  Wir unterhalten uns und ich blicke fasziniert auf die golden erleuchtete Kirche, welche direkt auf der anderen Straße steht.

In Tiflis hatte ich wirklich eine gute Zeit, bis auf ein paar unangenehme Erlebnisse an der Busstation, aber das ist eine andere Geschichte. Viele bezeichnen Tiflis nicht umsonst als eine der schönsten und am meisten unterschätzten Hauptstädte Europas.

Tifis ist…

…künstlerisch.

…modern.

…christlich.

…vielfältig.

…hell erleuchtet.

…Leben.

Kommentare

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