Teil I: Starker Tee, seltsame Felsformationen und die Gastfreundschaft eines Imams.

Der Mann reicht mir ein weiteres Tulpenglas mit starkem Schwarztee. Zwei Stücke Zucker werfe ich in das Glas. Schon das Fünfte heute. Die nationale Besessenheit ist unübersehbar. Praktisch überall, zu jeder Zeit gibt es das stark gebraute Getränk. An Busbahnhöfen, auf der Straße, in jedem türkischen Haus oder Büro und natürlich in jedem Restaurant. Der Imam setzt sich wieder an den Tisch gegenüber. Es ist ein weitestgehend leerer Raum in dem alten Gebäude. Ein massiver Schreibtisch und ein paar Stühle. Viel mehr befindet sich nicht hier. Der unordentliche Schreibtisch ist voller Bücher und einem Monitor.

Was zählt zu den Aufgaben eines Imams? Was ist seine tägliche Arbeit? Im Moment scheint es, als hätte er nicht viel besseres zu tun, als sich mit einem einzelnen Touristen zu unterhalten. Mir ist es recht, es ist ganz nett, etwas zu plaudern, insbesondere, da es draußen mittlereweile in Strömen schüttet.

Unsere etwas umständliche Konversation beginnt von Neuem. Er dreht seinen Computerbildschirm zu mir und reicht mir die Tastatur. Kaum ein Wort Englisch spricht er, trotzdem ist er begierig, ein Gespräch mit mir zu führen, seit ich vor nun bald einer halben Stunde die Medresse betreten habe. Kurz war noch ein anderer Mann, vermutlich der Hausmeister hier, er sprach besseres Englisch. Leider ist er schnell wieder verschwunden und lässt mich nun hier zurück und wir haben nicht mehr als Google Übersetzer und unser beider rudimentärer Wortschätze in Englisch bzw. Türkisch. Auf meine Frage, ob der Imam hier in Kappadokien geboren sei, spuckt der Computer nur eine Anhäufung unzusammenhängender Worte aus. Ich lese das Wort “Kadeniz” und zücke meinen Reiseführer. “Das Schwarze Meer”, wie ich mir dachte. Auf einer Karte zeigt er mir seine Heimatstadt im fernen Nordosten des Landes.

Er erzählt noch einige Dinge über die Medresse und sich selbst. Währenddessen versuche ich, seine Fragen zu entziffern. ” Was für einen Beruf ich habe?” – Student. “Welches Fach?” – Physik. Ob er erfeut wäre, wenn er wüsste, wie gegensätzlich diese Wissenschaft zu seinem Glauben steht, oder dass ich nicht einmal Christ, sondern Atheist bin? Als unsere Kommunikation so langsam an ihre Grenzen stößt, hört Gott sei Dank der Regen langsam auf und er möchte mir noch gerne die Moschee zeigen. Doch ich kann dem Raum nicht verlassen, bevor er mir nicht noch zwei schöne Bücher über den Islam geschenkt hat. Schnell überlege ich, doch leider habe ich wirklich rein gar nichts, was ich ihm schenken könnte. Überglücklich über dieses nette Gespräch und die Geschenke, bedanke ich mich. Nachdem er mir den Gebetsraum gezeigt hat, verabschiedet er sich. Noch einmal treffe ich den Hausmeister, er macht ein Erinnerungsfoto von mir und dem Imam. Die Verabschiedung ist wie die Begrüßung: überschwänglich und herzlich, als wären wir alle alte Freunde. Ein letztes Mal schaue ich über die Schulter und winke. Vermutlich sehen wir uns nie wieder, trotzdem war es ein einzigartiger Moment. Erneut habe ich die türkische Gastfreundschaft und Höflichkeit am eigenen Leib erlebt.

Weiter schlendere ich durch den beschaulichen Ort Ürgüp. Es gibt, wie in so vielen Orten hier, einen felsigen Auswuchs, von dem man eine tolle Aussicht hat, doch leider bläst der Wind so stark, dass man es dort kaum aushält und ich steige wieder herab. Ansonsten gibt es, um ehrlich zu sein, nicht viel zu sehen. Das Panorama der Stadt ist recht ansehnlich und hier, wie in so vielen anderen Dörfern in Kappadokien, wirkt alles viel orientalischer, als im Rest der Türkei. Die feinen Verzierungen, die karge Landschaft und die sandsteinfarbenen Häuser tragen wohl zum recht mittelöstlichen Bild bei.

Nach einem Spaziergang durch die Gassen zieht es mich jedoch weiter und ich laufe zum Busbahnhof. Dort suche ich nach einem Van mit der Aufschrift Ortahisar (Mittlere Burg). Wie der Name verrät, gibt es auch hier eine gigantische Felsformation, welche teilweise ausgehöhlt wurde und als Festung diente. Leider wird mir hier der Zutritt verwehrt, der Wind ist wohl zu stark. Somit fällt die Hauptattraktion flach und erneut wandere ich durch die Gassen eines kleinen Dörfchens. Zwar ist der Gesamteindruck sehr schön, doch wie überall, überwiegen in den besonders schön hergerichteten Teilen des Dorfes die Hotels, Restaurants und Souvenirgeschäfte. Belangloser Schnickschnack und kitschige Souvenirs, so weit das Auge reicht. Am schlimmsten sind die kunterbunt angemalten Nachbildungen der Kappadokischen Landschaft.

Bei einem Besuch im kleinen Ethnographischen Museum lerne ich überraschend viel über die Traditionen und Bräuche der Region. Doch das größte Highlight erwartet mich noch und ich breche auf, zu einem Kloster etwas außerhalb. Zunächst folge ich der Hauptstraße Richtung Ortsende, biege rechts in eine Nebenstraße und erblicke schon ein gelbes Schild, welches mich zum Kloster dirigieren soll. Zehn Minuten schlendere ich über einen Schotterweg zu dem einsamen Kloster.

Einsam und verlassen
Einsam und verlassen

Völlig verlassen liegt der Ort. Man hört kaum ein Geräusch außer dem spärlichen Zwitschern der Vögel. Stille umgibt mich. Fast schon ein wenig gespenstisch liegen die alten Höhlen vor mir. Lagerräume, Schlafräume und mehrere Kirchen sind auf die verschiedenen Höhlen aufgeteilt. Von außen unscheinbar, die Kirche aber ist etwas ganz Besonderes. Säulen wurden aus dem blanken Fels herausgeschlagen und verzieren die Apsis. Leider fehlen, wie in so vielen Kirchen Kappadokiens die Fresken. Vandalen und der Zahn der Zeit haben ihr Werk verrichtet. Trotzdem ist jede Kirche hier beachtlich und ich staune immer wieder über ihre Einzigartigkeit und mystische Atmosphäre.
Ähnlich wie Indiana Jones fühle ich mich beim Erkunden der Ruinen, auch wenn meine Fantasie da wieder etwas mit mir durchgeht und ich es zu sehr romantisiere. Lange verbringe ich hier. Ich fotografiere, schaue mir alles an und verweile etwas. Zurück zur Hauptstraße suche ich einen direkteren Weg und laufe über einen Feldweg direkt zur Landstraße, nur um knapp den Dolmusch zu verpassen. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als entweder eine Stunde zu warten, oder den gar nicht so langen Weg zurück nach Göreme zu Fuß zu bewältigen.

GöremeMiniatur
Göreme aus der Ferne.

In Göreme habe ich Quartier bezogen, aufgrund der günstigen Lage und unschlagbarer Unterkunftspreise. Leider gibt es hier keinerlei Authentizität mehr. Hier hat der Tourismus schon vor Jahren Einzug gehalten, es gibt zahlreiche Hotels und Restaurants. Traurigerweise gibt es hier kaum Dorfleben oder Ursprünglichkeit. Doch an Ausflugsmöglichkeiten und Wanderwegen außerhalb Göremes mangelt es nicht und diese entschädigen völlig. Man könnte Wochen hier verbringen. Dennoch bin ich diesmal nur drei Tage hier. Immerhin ist es mein zweiter Besuch und ich habe schon einiges gesehen.

Teil 2

KappadokienPanorama

Kommentare

  1. Pingback: Top ten Türkei | wasgesternwar

    1. Autor
      des Beitrages
      wasgesternwar

      Vielen Dank! Ich denke, eine Reise nach Kappadokien ist zur Zeit nicht ungefährlicher als anderenorts. Bei mir in München ums Eck, war vor kurzem ein Amoklauf mit zehn Toten. Der Anschlag in Nizza… Und so weiter. Solange du den Südosten und die kurdischen Gebiete meidest, sollte alles gut sein. Die ethischen Bedenken sind natürlich anders… Aber Kappadokien ist einmalig schön und die Leute wahnsinnig freundlich…

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