Teil 1: Von Gastfreundschaft und mystischer Landschaft

Wo soll ich nur anfangen? In den Tagen nach meinem Aufenthalt ist so viel passiert, es scheint wie ein Traum und eine Reise für sich. Selten war das Abenteuer größer, die Gastfreundschaft herrlicher und neue Bekanntschaften intensiver.

Alles fing damit an, dass ich verunsichert war. Ich war etwas nervös, ob ich in Qazvin so ohne Weiteres eine Unterkunft finden würde. Normalerweise kein Problem, aber es standen drei religiöse Feiertage am Stück an und mir wurde gesagt, dies nutzen viele Iraner für ein verlängertes Wochenende. Jalal, mein Hostelbesitzer versuchte erfolglos, ein paar Hotels zu kontaktieren, alle Telefonnummern waren falsch.  Letzten Endes bot er mir an, bei seinem Cousin zu übernachten, er hätte mich soeben eingeladen.

Gerne nahm ich diese Einladung an. Und schon bald saß ich in Qazvin in einem Taxi zu der mir gegebenen Adresse. Ich würde die Nacht bei einer Person verbringen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Das Einzige, was ich wusste ist, er heißt Mehdi und kann nur sehr, sehr simples Englisch, was die Verständigung zu einer Herausforderung werden lassen sollte.

Der Taxifahrer bedeutete mir, wir hätten unser Ziel erreicht. Als ich um mich zeigte, um zu fragen, welches Haus es denn genau sei ,wusste er auch nicht so recht weiter und er schrie aus dem Fenster zu einem Kebabverkäufer. Dieser kam näher, schaute mich etwas verwirrt an und bedeutete mir, ihm zu folgen. Schnell bezahlte ich das Taxi, schnappte mein Gepäck und tat, was mir befohlen. Es ging nur ums Eck und er wollte noch einmal die Adresse auf meinem Zettel überprüfen, bevor er klingelte. Eine iranische Stimme antwortete an der Gegensprechanlage und er erwiderte etwas in persisch. Die Tür öffnete sich und mein Begleiter verschwand.

Ein anderer Iraner kam die Treppe nach unten und begrüßte mich herzlich. Es war Mehdi, Jalals Cousin. Sofort wurde ich nach oben gebracht, nur die Kommunikation war schwer. Für mehr als eine simple Begrüßung und ein “Come, come.”, reichte Mehdis Englisch leider nicht. In der Wohnung, in die ich geführt wurde, gab es eine Menge Menschen. Weit mehr als erwartet, da Jalal mir nur gesagt hatte, ich würde bei seinem Cousin übernachten, ging ich davon aus er lebe eventuell alleine. Eine Familie hätte mich auch nicht überrascht, aber gleich so viele Iraner… Bis heute kenne ich nicht alle Verwandtschaftverhältnisse. Ich weiß nur, dass das kleine Mädchen Mehdis Tochter war und eine der Frauen seine Ehefrau und die andere seine Schwester. Jedoch erschließt sich mir bis heute nicht, wer der ganze Rest der überwiegend weiblichen Personen war.

Natürlich wird mir als Erstes Essen gebracht. Leckerer gebratener Reis und ein Salat. Seine Schwester spricht besseres Englisch und sie erklärt, da heute der Erste der drei Feiertage ist, hätten die meisten der Sehenswürdigkeiten geschlossen und Mehdi würde mich gerne etwas mit dem Auto herum fahren. Wir fuhren etwas aus der Stadt. Kaum erreichen wir das Ende von  Qazvin erheben sich Hügel in der Landschaft, mit hohem Gras bewachsen, welches sanft mit dem Wind weht. Als ich das sehe steigert es meine Vorfreude auf Morgen moch mehr. Das kommende Etappenziel war eine Assassinenfestung in den Bergen. Bildlich stellte ich mir vor, wie die Assassinen hier durch die Felder ritten, ihr Reich. In den Tälern des Alborzgebirges, so wie ich es mir in meinen romantischen Vorstellungen immer erträumt hatte.

Jedenfalls brachte Mehdi mich zum Garten seines Vaters, welcher gerade emsig beschäftigt war. Aber natürlich fand er Zeit, mit uns Tee zu trinken. Für mich wurde sogar noch aus allen Ecken Süßigkeiten und eine Wassermelone zusammen getragen. Es könnte ja sein, dass ich hunger habe, auch wenn ich gerade erst zu Mittag gegessen hatte. Wir genossen den Blick  auf die umliegenden Hügel und spazierten anschließend noch zum Garten eines Freundes von Mehdi. Beide der etwas älteren Männer bauten auf ihrer kleinen Fläche am Stadtrand etwas Obst und Gemüse an und es ergab das perfekte Bild eines deutschen Schrebergartens.

Abends fuhren wir erneut mit dem Auto an den Rand der Stadt, in eine Art Park, idyllisch gelegen auf einem Hügel. Mit der kompletten Familie und Anhang taten wir es den unzähligen anderen Familien gleich und hatten ein großes Picknick. Wie könnte es anders sein, gab es Kebab und Brot. Iraner lieben es einfach ein Barbeque zu haben. Wann immer sich die Möglichkeit bietet in großer Runde, auf einem Fleckchen grün zu grillen, wird diese auch genutzt. In der weitläufigen Parkanlage waren hunderte Iraner versammelt.

Zurück in Mehdis Wohnung konnte ich endlich eine Dusche nehmen und rollte ich dann erschöpft auf dem persischen Teppich in seiner Wohnung zusammen um zu schlafen. Etwas hart diese Teppiche, aber im Iran ist es Sitte, statt in einem Bett, auf dem Boden zu schlafen.

Am nächsten Morgen ging es schon recht früh wieder los, um acht Uhr war ich mit einem Tschechen, den ich auf der Busfahrt von Teheran kennen gelernt hatte, verabredet. Mehdi fuhr mich noch zu dem Hotel, wo Thomas übernachtet hatte und brachte uns beide letzten Endes sogar noch bis an die Straße, die uns zu unserem Ziel führen würde. Das Allamut Tal, Heimat der Assassinen. Mit etwas Wehmut, diese sympathische Familie zu verlassen, verabschiedete ich mich sehr dankbar von meinem Gastgeber.

Da standen Thomas und ich nun also. Der einzige öffentliche Verkehr hier bestand aus Taxis, weswegen wir uns entschlossen hatten, es per Anhalter zu versuchen. Letzten Endes schafften wir es zur Festung der Assassinen. Da per Anhalter zu fahren im Iran aber ein unbekanntes Konzept ist, kamen wir nicht drum herum, der ein oder anderen Mitfahrgelegenheit etwas Geld zu zahlen. Im Gegenzug bekamen wir von einem Fahrer aber mehr Kirschen als wir essen konnten. Schon Mittags konnten wir eine nette Unterkunft in dem kleinen Dörfchen nahe der Festung beziehen. Anschließend machten wir uns auf zu der mächtigen Burg, gelegen auf einem Fels und nur von einer Seite über einen sehr steilen Aufstieg zu erreichen.

Die Assassinen waren ein islamischer Geheimbund im Norden des heutigen Irans und Syriens. Durch Morde an hohen Persönlichkeiten erlangten sie politischen Einfluss und Bekanntheit bis in die Moderne. Heute leben sie noch in zahlreichen Filmen, Videospielen und Sprachen weiter. Zum Beispiel im Englischen benutzt man bis heute das Wort “assassination” für das Wort “Mord”. Für mich stellen die Assassinen etwas mystisches dar. Umgeben von hohen, schneebedeckten Bergen und fruchtbaren Tälern, bauten sie ihre fast uneinnehmbaren Festungen und bildeten ihre eigene Abspaltung des Islams. Viele Mythen ranken sich um sie, Haschischkonsum und Orgien sind nur ein paar davon. Ihre Anhänger hatten keine Skrupel bei den Dolch- und Giftmorden, erhofften sie sich doch einen Gottesstaat und sahen sich selbst als Märtyrer an.

Thomas und ich besichtigten die Festung, leider sind nur noch wenige Überreste erhalten. So uneinnehmbar die Festung auch war, der Erzfeind der Assassinen, die Mogolen schaffte es letzten Endes doch und zerstörten die Festung bis auf die Grundmauern. Anschließend wanderten wir ohne konkretes Ziel in Richtung der uns umgebenden Gipfel. Von einer der Anhöhen hatte man ein wunderschönes Panorama, von schneebedeckten Bergen und dem massiven Fels, auf dem die einstmals, imposante Festung thronte. Jetzt bereute ich noch mehr, dass ich meine Kamera in der Unterkunft vergessen hatte.

Unter uns erblickten wir einen saphirblauen See und wir beschlossen, auf dieser Seite abzusteigen, in der Hoffnung, in einem Bogen zu unserer Unterkunft zurück zu laufen. Mit diesem Plan hatten wir uns aber etwas verschätzt. Bei näherer Betrachtung entpuppte sich der See als gar nicht mehr so blau, sondern eher algenverseucht und viel weiter entfernt als gedacht. Auch gab es keine Möglichkeit, zurück zu unserer Unterkunft zu kommen, weil ein wunderschöner Canyon uns den Weg versperrte. Letzten Endes nahmen wir einen anstrengenden, ewig dauernden Marsch bis ins Tal in Kauf. An der Hauptstraße angekommen, schafften wir es gerade noch so vor Einbruch der Dunkeleit und einem Gewitter eine Mitfahrgelgenheit zurück zu unserer Unterkunft zu finden.

Erschöpft kauften wir Wasser, von dem wir viel zu wenig für solch eine Wanderung dabei hatten und krochen müde aber mehr als zufrieden zurück in die Unterkunft. Dort gab es noch ein leckeres Abendessen bevor wir einschlafen.

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