Teil 2: Von Gastfreundschaft und mystischer Landschaft

Als wir in dem kleinen Dorf nahe der Assassinenfestung aufwachten, wussten wir noch nicht, was uns die nächsten Tage alles erwarten würde. Thomas und ich sollten gehörig überrascht werden, im positiven Sinne. Aber ich erzähle besser von Anfang an…

Wir verließen das Dorf recht früh, um eine Mitfahrgelegenheit in Richtung Berge zu bekommen. Über das Alborzgebirge wollten wir bis ans kaspische Meer trampen. An dieser Stelle gab es aber nur eine nicht asphaltierte Passstraße und wenige Touristen begaben sich auf diese beschwerliche Reise. Wir schafften es mit zwei Autos bis in das überschaubare Örtchen Gamerud. Hier wollten wir uns noch mit Snacks und einem kleinen Frühstück eindecken. Hinter diesem Örtchen begann der eigentliche Bergpass und es gab nur noch ein weiteres Dörfchen, bis zum höchsten Punkt der Straße auf 3200m.

Als wir so an dem kleinen Bach saßen und unser Frühstück aus Brot, frischem Käse und saftiger Melone aßen, kam ein Iraner auf uns zu. Der junge Mann fragte zunächst das Übliche. Woher kommt ihr? Wohin wollt ihr? Und so weiter… Er erzählte, selbst lebe er in Teheran und wäre nur zu Besuch im Geburtsort seiner Eltern und Fotografieren wäre eines seiner größten Hobbies. Nach einem kurzen Gespräch war er auch schon wieder verschwunden. Wir beendeten unser Frühstück und packten alles zusammen. So flüchtig, wie das Gespräch begonnen hatte, hätten wir Sina, unseren iranischen Freund wohl schon kurz darauf vergessen. Aber nach wenigen Minuten, kam er mit seiner Kamera bewaffnet zurück und erklärte, er würde ein Stück mit uns kommen. Wieso eigentlich nicht. Da weit und breit kein Auto in Sicht war, beschlossen wir einfach, ein Stück die noch vorhandene Straße entlang zu wandern. Es ging vorbei an steilen Klippen, entlang eines Flusses. Die Landschaft war wunderschön. Hier und da waren einzelne Ortschaften in die Hänge gestreut. Ansonsten war der untere Teil der Berge recht staubig, trocken und nur von kleinen Krüppelgewächsen  überwuchert. Viele der uns umgebenden Gipfel waren an die 4000m hoch oder sogar darüber.

Uns war es zuviel. Per Anhalter nach Pichebon.
Uns war es zuviel. Per Anhalter nach Pichebon.

Thomas und ich hatten je fast 15kg Gepäck zu schultern und trotzdem stapften wir guten Mutes steil bergauf. Neben dem Weg entdecken wir einen Wasserfall und zahlreiche blühende Blumen. Unser iranischer Begleiter schien weniger erfreut von der Idee, so viel zu wandern. Ungeachtet dessen, war auch er sichtlich glücklich, mit uns unterwegs zu sein, eine Chance zu haben, sein Englisch zu verbessern und uns so einiges zu zeigen und zu erklären. Mehrmals stoppten wir, um Fotos von der atemberaubenden Landschaft zu machen oder unsere Wasserflaschen mit frischem Quellwasser direkt aus den Bergen aufzufüllen.
Irgendwann wurde es uns allen aber zu viel. Thomas und mir wegen des Gepäcks und auch Sina, weil er einfach nicht daran gewöhnt war, so viel zu wandern. Kurzerhand versuchten wir unser Glück an einem vorbeifahrenden Pickup, welcher auch prompt hielt und uns bis in das Dorf auf dem kleinen Plateau mitnahm. Auf der Ladefläche war es zwar etwas wackelig und unbequem, dafür war der Blick genial. Wir holperten über die mittlerweile unbefestigte Straße bergauf.

In Pichebon, dem Bergdorf angekommen, beschlossen Thomas und ich, die Nacht dort zu verbringen. Es war zwar erst Mittag und wir hätten es vermutlich noch bis auf die andere Seite der Berge geschafft. Aber die Natur war viel zu schön und das kühlere Klima, insbesondere für mich viel zu angenehm, als dass wir hier hätten einfach durchrauschen wollen. Sina fragte einen Dorfbewohner, ob es hier eine Unterkunft gäbe und wir wurden zu dem kleinen Restaurant/Laden am Anfang des Ortes geschickt, das wir schon vom Pickup aus gesehen hatten.
Dort angekommen, zeigte man uns einen kleinen Gästeraum ohne Fenster. Geschlafen wurde traditionell auf dem Teppich und so gab es als einzige Einrichtung einen Stapel Kissen und Decken. Auch Dusche gab es keine, was etwas ungünstig war. Aber Ok. Wir aßen in dem Restaurant zu Mittag und rauchten gemeinsam eine Wasserpfeife. Als wir gerade zu einer kleinen Wanderung aufbrechen wollten, gesellten sich noch mehrere iranische Motorradfahrer zu uns und es gab noch ein paar Runden chai. Sina war die ganze Zeit sehr hilfreich und fungierte auch hier als Übersetzer.
Da es erst zwei Uhr war und ansonsten nicht viel in dem kleinen Dörfchen zu tun war,  machten wir uns auf zu einer kleinen Wanderung. Unser iranischer Freund musste uns langsam für verrückt halten, so viel zu laufen. Unbeirrt folgte er uns aber erneut. Wir wanderten bis zum höchsten Punkt der Straße. Immer wieder schnitten wir Serpentinen ab und liefen den zwar steileren, dafür aber kürzeren Trampelpfad. Auf dem Weg nach oben, sahen wir noch weitere zahlreiche Blumen. Lila und rot getupft waren die Hänge um uns und der Hintergrund bildete ein Panorama aus weiß gezuckerten Gipfeln.

Am Höchsten Punkt der Straße befand sich eine alte Karawanserei. Ein Rasthaus für Händler. Oben angekommen wehte ein kühler Wind und es war allgemein recht frisch. Die Aussicht war fantastisch und wir verbrachten viel Zeit damit, Bilder in alle Richtungen zu schießen und uns auf dem Dach der Karawanserei auszuruhen. Hier hätte ich persönlich Stunden sitzen können. Diese hohen schneebedeckten Berge übten dieselbe Faszination auf mich aus, wie in Nepal. Von hier spähten wir auch aus, was uns morgen erwarten sollte: unbefestigte, steil abfallende Serpentinen, von über 3000m auf ca. -28m. Irgendwann machten wir uns aber doch an den Abstieg. Jedoch artete es Sina in zu viel Lauferei aus und er beschloss, es sollte das letzte Stück per Anhalter nach unten gehen. Wie es der Zufall wollte, kamen entfernte Verwandte von ihm des Weges und wir konnten auf der Ladefläche eines weiteren Pickups bis zurück mitfahren.

 

Abends saßen wir erneut zusammen. Bei leckerem Essen, Tee und Wasserpfeife über unserem Zimmer in dieser seltsamen Mischung aus Restaurant, Laden und Gasthaus. Weil Sina so spät abends keine Möglichkeit mehr hatte, zurück in das Dorf seiner Eltern zu kommen, übernachtete er auch spontan mit uns.

Am nächsten Tag erwachten wir wieder früh in unserer “5-Sterneunterkunft”. Das Panorama, das sich vor unserem “Badezimmer” bot war herrlich. Das sogenannte Bad bestand aus einem Wasserhahn im Garten vor dem Haus mit frischem, eiskaltem Quellwasser aus den Bergen. Schnell die Zähne geputzt und zumindest das Gesicht gewaschen, bevor wir uns letzten Endes schweren Herzens von Sina trennten.  An diesem einen Tag war er zu einem willkommenen Reisebegleiter  geworden und sein  Übersetzungstalent war uns mehr als nur einmal nützlich gewesen.

Nur noch zu zweit setzen Thomas und ich unseren Weg fort. Heute wollten wir es endlich bis ans kaspische Meer schaffen. Erneut liefern wir ein Stück mit unseren Rucksäcken und tranken am Ende des Dorfes noch einen chai. Der etwas merkwürdige Besitzer, der hier wohl zusammen mit seiner Mutter arbeitete, wollte angeblich ein Auto für uns anhalten.  Er war uns beiden aber von Anfang an  unsympathisch und wir hatten eher den Eindruck, er wollte etwas Gewinn aus uns schlagen. Und das erste Auto, dass er uns anbot, konnte uns weder weit bringen, noch hielten wir den Preis für angemessen.  So stiefelten wir noch ein weiteres Mal steil bergauf, um aus der Sichtweite dieses etwas unsympathischen Menschen zu kommen. Leider war der Verkehr heute mehr als dünn und eine passende Mitfahrgelegenheit ließ  lange auf sich warten. Dafür war diese dann auch ein riesen Glückstreffer und der nette Fahrer brachte uns die komplette Strecke bis ans Ziel nach Tonekabon, am kaspischen Meer. Erneut war die Fahrt ein landschaftliches Highlight. Auch wenn es schwerfiel, sich  zu  konzentrieren, angesichts der engen  Haarnadelkurven, hinter denen eine Klippe zum Teil hundert Meter senkrecht nach unten abfiel. Ungeachtet unserer Ängste, tauchten wir unter die dichte Wolkendecke und erreichten  den Küstenort.

Gerade erst sind wir aus dem Wagen des hilfsbereiten Mannes ausgestiegen. Wir wandern etwas ziellos eine Straße entlang, auf der Suche nach etwas zu Essen. Nach nicht einmal einer Minute spricht uns jemand in perfektem Englisch an. Erneut ein junger Mann. Wie sich herausstellt, hatte er eine Zeit in Malaysia studiert. Er fragt, ob wir Hilfe brauchen. Noch etwas ohne Konzept oder Plan, wo genau wir eigentlich sind, erwidern wir, wir würden gerne zu Mittag essen. Ob er etwas in der Nähe kenne. Natürlich. Was wollen wir? Fast-food, ein Sandwich? Nein. Lieber etwas traditionell Iranisches. Klar, gleich hier. In 30m Entfernung gibt es eine kleine Küche. Hier bestellen wir ghormeh sabzi, eine Spezialität für die Küstenregion. Ein Eintopf aus unzähligen Kräutern und weich gekochtem Fleisch. Dazu gibt es Reis mit einer interessanten Kruste und eingelegte, schwarze Oliven, ebenfalls eine lokale Spezialität.

Erneut hatten wir nun einen Iraner an unserer Seite. Nach dem Essen fragt Mehdi, ob wir noch weitere Hilfe brauchen. Nun gut. Noch wissen wir gar nicht, wo wir schlafen und wo wir genau sind, wissen wir eigentlich auch nicht so recht. Also eine Unterkunft wäre hilfreich. Wir fragen, ob er ein günstiges Hotel kenne. Natürlich, antwortet er hilfsbereit, wenn wir noch zehn Minuten warten ist sein Freund mit dem Auto zurück und er kann uns hinbringen. Gut, das erleichtert einiges. Er fährt uns zu einem wirklich schön am Meer gelegenen Gästehaus. Ob das nicht zu teuer ist? Der Preis ist überraschend günstig, es gibt aber nur noch ein Viererzimmer, welches zu zweit gebucht nicht mehr so günstig ist. Also heißt es weiter suchen.  Das nächste Hotel ist nun wirklich ein Hotel mit gehobenem Standard und ein Doppelzimmer für 40 Dollar wollen weder Thomas noch ich.

Wir fragen Mehdi, ob es denn nichts Günstigeres hier gibt. Woraufhin er uns von einem Freund erzählt, der ein Zimmer in seinem Haus vermietet. Eine Art homestay? Wieso nicht. Eifrig kontaktiert Mehdi seinen Freund und schon 2 Minuten später erklärt er uns, wir sind alle drei zu seinem Freund in sein Wochenendhaus in den Bergen eingeladen. So schnell war nun also auch eine Unterkunft organisiert. Woraufhin Mehdi noch einmal nachhause musste, um zu duschen. Wir wollten ihm keine weiteren Umstände machen und sagten, er solle uns hier am Meer absetzen und später wieder aufsammeln. Wir gingen zunächst einen Kaffee trinken. Auf den ersten Blick wirkte das Café wie jedes andere in Europa. Der Besitzer sprach aber überraschenderweise perfektes Englisch und war Mitglied der europäischen Barista-Vereinigung, worauf er sehr stolz war. Der Kaffee war auch wirklich exzellent. Alles endete darin, dass wir unzählige  Gruppenfotos. Thomas und ich fingen nun an, uns in so einem schicken Café unwohl zu fühlen, hatten wir doch den letzten Tag nicht geduscht und waren zwei Tage am Stück gewandert.  Dementsprechend waren wir verschwitzt und dreckig in unserer Kleidung. In den Bergen war so ein Zustand OK, aber nicht in einer Stadt.

Bevor Mehdi uns abholte und hoffentlich endlich zu einem Haus mit einer Dusche bringen würde, gingen wir noch an den Strand. Kein Südsee-Karibik-Traumstrand. Verschmutztes Wasser und ein steiniger Strand mit noch mehr Müll. Außerdem war es recht windig. Es ging mehr darum, es mal gesehen zu haben und schließlich war es unser Ziel. Seitdem ich die nette iranische Familie in Qazvin verlassen hatte, haben wir darauf hingearbeitet. Es war trotz der mangelnden Ästhetik ein tolles Gefühl, die komplette Strecke bis hier per Anhalter und zu Fuß zurückgelegt zu haben.

Nachmittags brachte Mehdi uns ins Büro unseres Gastgebers. Als ich erfuhr, wie reich er war und bei dem Gedanken von einer schicken Villa in den Bergen, fühlte ich mich erneut etwas unwohl,  so dreckig und in  Wanderklamotten. Ich sollte aber sehr überrascht werden. Unser Gastgeber ließ sein Wochenenddomizil nämlich gerade ausbauen und es War eine große Baustelle. Es gab nur eine provisorische Küche und Gott sei Dank, endlich eine Dusche. Der Rest war unmöbliert und wir aßen und schliefen erneut auf Perserteppichen. Bevor es aber ans schlafen ging, kochte man für uns Fisch und Reis. Dazu gab es reichlich Schwarztee und nach dem Essen gab es erneut eine Wasserpfeife, Wassermelone und noch viel mehr Tee. Unserer geselligen Runde wohnten auch die zwei Handwerker bei, welche das Haus renovierten.

 

Am nächsten Tag fuhr uns Mehdi noch mit einem Taxi bis zur Busstation, wo wir von unserem zweiten neuen, iranischen Freund Abschied nehmen mussten.

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