Teil 3: Mit dem Mietwagen von der Todra-Schlucht über Midelt in die Heilige Stadt Moulay Idriss

Teil 1 und 2 verpasst? Dann schaut hier und hier!

Endlose Weiten

Es ist früher Mittag, wir befinden uns mitten im Nirgendwo des mittleren Atlas. Die Landschaft um uns ist karg und weitestgehend braun. Es gibt so gut wie keine Abwechslung in der Umgebung. Langsam und gut durchgeschüttelt kommen wir vorwärts. Die Karosserie des Toyotas, der Innenraum und auch wir sind mit Staub überzogen. Die Luft ist trocken und die Sonne scheint kräftig, doch auf dieser Höhe ist es nicht heiß.

Schon das dritte Mal halten wir vor einem ausgetrockneten Flussbett an, um eine geeignete Stelle zu finden, an der wir hineinfahren können. Meist ist der Absatz einfach zu groß. Auf der Karte waren an der Straße einige Dörfer eingezeichnet, doch wir haben schon seit einer Stunde keines mehr passiert. Bis jetzt geht es noch ziemlich flach vorwärts, dabei sollten wir laut GPS schon bald den Pass erreichen. Das kann ja heiter werden. Zum Glück sollte unser Land Cruiser keine Probleme mit steilen Passagen haben.

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Es gab weit und breit nichts.

Einmal queren uns zwei Reiter, sie sind der einzige Verkehr auf dieser Straße. Vermutlich Nomaden. Sie grüßen freundlich und lächeln. Immerhin machen sie kein allzu überraschtes Gesicht, Touristen hier zu sehen. Kein, “Sind-sie-wahnsinnig-Blick”. Dafür fragen sie nach…ja wonach? Nach allem, was wir geben können, Essen, Wasser, Kleidung, Geld.

Später sehen wir noch ein paar ihrer Zelte. Diese Menschen hier sind wohl die Ärmsten der Armen in Marokko. Fernab von der Zivilisation halten sie ein paar Tiere, die kaum etwas zu fressen finden, denn es gibt nur ein paar verdorrte, kleine Pflänzchen.

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Ein weidendes Kamel der Nomaden.

Schlagartig veränderte sich die Straße und es ging in engen Serpentinen, über unwegsames Gelände, mit großen Felsbrocken steil bergauf. Endlich. Langsam hatten wir die Hälfte geschafft. Nur noch mühsam machten wir Strecke, dennoch näherten wir uns langsam dem höchsten Punkt des Passes. Doch wir hatten keine Ahnung, was noch kommen sollte.

Wie man sich ins Nichts katapultiert

Aber wie waren wir überhaupt so weit ab von allem gekommen? Heute Morgen hatten wir noch die Amellagou-Schlucht, in der Nähe der Todrah-Schlucht erkundet, bevor ich auf der Karte eine direkte Verbindungsstrecke Richtung Norden zur N 10 nach Midelt entdeckt hatte. Da wir doch schon einen Geländewagen hatten, wollte ich ihn auch noch einmal richtig nutzen. Da schien diese Straße durchs Gebirge wie gerufen. Zunächst fuhren wir bis Tighremt. Unser Reiseführer behauptete, dies sei einer der schönsten Abschnitte der Schlucht.

Wir wurden nicht enttäuscht. Vor der Kulisse der hochaufragenden, rotbraunen Felsen lag ein großes Dorf. Auf den Erhöhungen thronten mehrere Wohnburgen. Im Tal, welches der Fluss über Jahrtausende in die Landschaft gegraben hatte, lag eine kleine Oase mit Dattelpalmen und Reisfeldern. Es schien als würden nicht viele Touristen in diese Schlucht kommen. Dennoch waren die Leute nicht aufdringlich und sehr höflich. Hier in Tighremt drehten wir um und fuhren ein paar Kilometer zurück bis nach Amellagou. Dort zweigte eine kleine Piste ab. Wir wussten nichts über den Zustand oder die Schwierigkeit der Schotterstraße. Im Nachhinein nicht unsere klügste Idee…

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Die Kashba oberhalb von Tighremt

Ab jetzt ging es nur noch bergab

Oben am Pass genossen wir den Ausblick und glaubten, das Schlimmste hinter uns zu haben. Wie naiv. In den Haarnadelkurven, die nicht mehr enger sein könnten, ging es einspurig bergab. Einmal fuhren wir sogar eine komplette 360°-Kurve durch einem in den bloßen Felsen geschlagenen Tunnel, der unter der Bergstraße durchführt. Und dahinter, der erste Schock. Ein riesiger Felsbrocken lag mitten auf der Straße. Mir wurde schon schwarz vor Augen, bei dem Gedanken, mehrere Kilometer rückwärts bergauf fahren zu müssen, bis zur nächsten Wendemöglickeit. Denn rechts von uns war massiver Fels und links ein tiefer Abgrund. Ganz zu schweigen davon, dass es uns den kompletten restlichen Tag kosten würde wieder bis zurück zu fahren. Doch wir entdeckten eine andere Reifenspur, die es ganz knapp am Fels vorbei geschafft hatte. Also, Scheiben runter und links und rechts auf den Boden geachtet. Und wirklich, es war eine ganz knappe Nummer. Nur wenige Zentimeter vom Fels entfernt auf der einen Seite und gerade so weit entfernt vom Abgrund, dass wir uns keine großen Sorgen machen mussten.

Kaum war dieser Schrecken überwunden gab es den nächsten Schock. Ein großer Erdrutsch war auf die Straße niedergegangen und es lagen Unmengen an Kies und Geröll  mitten auf der Fahrbahn. Nach genauerer Inspektion beschlossen wir, es zu wagen. Unser großer Toyota hatte wenig Mühe, auch diese Stelle zu meistern, auch wenn mich der Blick durch die Fahrerscheibe schon etwas mulmig machte. Ich musste meinen Kopf nur etwas nach links drehen und konnte direkt nach unten in den Abgrund blicken. Während meine Begleitung mehrere Blutstürze erlebte, sah ich es eher sportlich und freute mich über das Abenteuer und die Herausforderung. Nun konnte uns auch der zweite gigantische Felsbrocken auf der Fahrbahn nicht mehr schockieren und wir erreichten wenig später den Fuß des Passes und kurz darauf die Teerstraße.

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Die Straße hinter dem Pass

Nur fliegen ist besser

Auf der Teerstraße machten wir wieder richtig Strecke und fühlten uns wie in der Business-Class im Flugzeug. Sanft glitten wir über den Asphalt bis nach Midelt.

Midelt haben wir als eine besonders öde, marokkanische Stadt wahrgenommen. Es gibt nicht wirklich etwas zu sehen. Wer hier nicht unbedingt übernachten muss, ist anderswo besser aufgehoben. Eine Alternative wäre z.B. Azrou. Zwar eine Autostunde nördlicher aber wesentlich entspannter und schöner. Solltet ihr aber dennoch für einen Abend in Midelt feststecken und wenn es noch nicht dunkel ist, könnt ihr noch einen schnellen Ausflug zu einem christlichen Kloster unternehmen. Zwar gibt es hier auch nicht übermäßig viel zu sehen, dennoch empfand ich es als etwas Außergewöhnliches. Eine sandsteinfarbene Kirche umringt von hübschen Gärten und mit super Aussicht.

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Auf der Teerstraße nach Midelt.
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Die christliche Kirche bei Midelt.
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Ein Dörfchen kurz vor Midelt.

Aufdringliche Einheimische

Was noch viel unangenehmer war als der Mangel an Sehenswürdigkeiten, waren ein paar aufdringliche Einheimische. Schon als wir das erste Mal einen Parkplatz in Midelt suchten, wollte uns ein marokkanischer Mann einweisen, obwohl wir bereits eine geeignete Lücke gefunden hatten. Das ging dann weit schlechter als ohne Hilfe, aber nun gut. Wir bedankten uns freundlich und schon ging es los. Zuerst wurden die üblichen Fragen abgehakt, “Woher kommt ihr?”, “Wie gefällt es euch hier?”. Nach wenigen Worten ging es dann ums Geschäftliche. Er besäße ein Hotel und einen Souvenirladen. Wir wimmelten ihn freundlich aber bestimmt ab.

Wir bezogen Zimmer in einer der günstigsten Unterkünfte Midelts, “Le roi de bière”. Ein simples Doppelzimmer mit geteiltem Bad auf dem Flur für nur 10 € und W-Lan. Der freundliche Besitzer gab uns noch ein paar Tipps und riet uns das Auto über Nacht an die Hauptstraße zu parken. Gesagt, getan. Doch bei diesem Versuch, wurden wir erneut vom selben Marokkaner angesprochen und erneut auf seinen Laden hingewiesen. Erneut lehnten wir dankend ab.

Als wäre all das noch nicht genug gewesen… Wir saßen beim Abendessen, plötzlich gesellte sich ein jüngerer Mann zu uns, der sich erst wirklich gut mit uns unterhielt und auch etwas mehr, als nur den üblichen Smalltalk aufwand. Doch als wir unsere Rechnung beglichen hatten, entpuppte er sich als der Cousin unseres ersten Bekannten und lud uns erneut in den Souvenirladen ein. Erneut kostete es uns einige Überzeugungsarbeit um klar zu stellen, dass wir wirklich nichts kaufen möchten

Auf Safari zu den Berberaffen

Am nächsten Morgen brachen wir früh auf, denn es sollte auf Safari gehen. In den Ifrane Nationalpark. Dieser weitläufige Nationalpark im Norden Marokkos ist zu großen Teilen mit Steineichen und Zedern gesegnet, welche den Berberaffen eine Heimat sind. Zuerst fuhren wir ein Stück gen Norden auf der N10, bevor wir auf eine Schotterpiste in Richtung Westen abbogen. Im Nationalpark selbst waren alle Hauptstraßen geteert und von Ifrane kommend ist es kein Problem, den Park mit einem normalen Pkw zu befahren. Ich war aufgeregt, ob wir wirklich Affen zu Gesicht bekommen würden. Ganz allein durchkreuzten wir den dunklen Wald. Mit mäßiger Geschwindigkeit suchten wir im Dickicht nach den Affen

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Einer der ersten Affen den wir ausmachten.

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Schon nach kurzer Zeit, hatte ich Angst, wir würden keines der Tiere zu Gesicht bekommen und merkte, wie sich Enttäuschung breitmachte. Plötzlich aber saßen zwei kleine Äffchen direkt neben der Straße in einem Baum. Obwohl wir genau auf ihrer Höhe hielten, ließen sich die Tiere nicht beirren. Wir konnten ungestört Bilder schießen. Und als ob diese zwei Affen nicht schon genug gewesen wären, saßen nur wenige Minuten später mehrere der niedlichen Tiere mitten auf der Straße und als wir in gebührendem Abstand anhielten, erkannten wir, dass die Bäume um uns voller Berberaffen waren.

Zu den Quellen des Nils – oder so ähnlich

Eine weitere, wohl eher bei Marokkanern beliebte Sehenswürdigkeit sind die Quellen des Oum er-Riba. Der größte Fluss Marokkos entspringt hier in mehreren Süß- und Salzwasserquellen.

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Die vielen improvisierten Cafés von oben.

Viele simple Hütten säumen den Bachlauf. Man kann hier simple Speisen wie Couscous oder Tajine zu sich nehmen oder nur einen Tee trinken. Viele verkaufen Souvenirs, welche für den europäischen Geschmack nicht mehr als fürchterliche, in China hergestellte Kitschobjekte sind. Doch den vielen flanierenden, marokkanischen Familien und jungen Paaren schien all dies zu gefallen. Der Hauptgrund aber, hierher zu kommen, ist der große Wasserfall ganz am Ende der Anlage. Da wir ihn am Ende der Sommermonate besuchten, war sein Anblick nicht übermäßig spektakulär. Ich muss gestehen, ich würde einen Besuch nicht empfehlen. Einzig, die Hütten aus Stroh, die den Bachlauf säumen und wie deren Bewohner über Felsbrocken im Flussstrom zur nächsten Hütte springen, wirken besonders . Ihr seid im Nationalpark bei den Affen aber wirklich besser bedient.

Marokkanische Spezialitäten und eine heilige Stadt

Zurück an der Hauptstraße kehrten wir in Azrou für ein Mittagessen ein. In einem großen Restaurant direkt am großen Platz der Stadt, entdeckte ich marokkanische Spezialitäten, die man nicht in vielen Restaurants findet. Dankbar dafür, einmal nicht auf Couscous, Tajine oder eine, meist grauenhafte, Pizza beschränkt zu sein, bestellte ich Bastillia.  Eine Pastete aus hauchdünnen Teigblättern gefüllt mit Hühnchenfleisch (oder Taube), Rosinen und Mandeln. Dieses Festtagsgericht ist nur in wenigen Restaurants auf der Speisekarte, wenn ihr also die Gelegenheit bekommt, solltet ihr es probieren! Serviert wurde die Bastillia mit Orangenscheiben, noch mehr Mandeln, Puderzucker und Zimt. Dieses einzigartige Gebäck vereint süß, sauer und salzig und ist eine interessante, kulinarische Alternative. Jedoch, muss man es auch mögen, Fleisch mit Puderzucker zu essen.

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Bastillia mit Orangen, Mandeln und Hühnchen.

Nach einer längeren Fahrt erreichten wir die Heilige Stadt Moulay Idriss. Bis vor ein paar Jahrzehnten war es Nicht-Muslimen noch verboten, die Stadt auch nur zu betreten. Heutzutage beschränkt sich dieses Verbot, wie überall in Marokko nur auf die Moscheen und Mausoleen. Wir unternahmen noch einen kleinen Abendspaziergang und ich aß das erste Mal Merguez in Marokko. Kleine, gegrillte Hackfleischwürstchen in einem Brot mit Kräutern und einer scharfen Würzpaste. Wir saßen auf der Dachterrasse unseres Hotels und lauschten den Klängen des Muezzins. Bei diesem herrlichen Ausblick auf die Stadt bei Nacht, ließen sich die vielen neuen Eindrücke verarbeiten, die wir in den letzten Tagen gemacht hatten.

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Der Eingang zum Mausoleum bei Nacht.
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Der Blick von der Dachterasse unseres Hotels über Moulay Idriss.

Obwohl die Stadt nur eine Stunde von Fes entfernt liegt, kommen nicht viele Touristen hierher. Vielleicht sind einige immer noch von dem ehemaligen Verbot abgeschreckt. Doch im nächsten Eintrag werde ich euch zeigen, wieso Moulay Idriss auf keinen Fall auf eurer Reiseroute fehlen sollte!

 

Kommentare

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