The river is wide, the river is wise.

Oh, the river is wise…

Styx  – Boat on the river

Mit diesen Klängen in den Ohren, sitze ich an der Uferpromenade und frage mich, was dieser Fluss schon alles gesehen hat. Still und sanft fließt der Yesilirmak durch die türkische Kleinstadt Amasya. Heutzutage ist sie bekannt, als die Stadt der Äpfel. Tatsächlich ist sie das größte Anbaugebiet der Türkei für diese Frucht. Doch der Fluss hat schon mehr gesehen, als nur Apfelplantagen. Hethiter, Pontier, Römer, Perser, Seldschuken, Ottomanen. All diese blühenden Kulturen haben hier gesiedelt. Die Täler sind fruchtbar, die Lage am Fluss ideal. Was den Ort besonders macht, sind die Felsgräber hoch über den Häusern. In den blanken Fels gehauen, thronen sie über dem Ort, als Zeugen der Zeit. Zentralanatolien ist voll von Geschichte. Praktisch überall gibt es faszinierende Orte, Ausgrabungen, Paläste, Gräber, einzigartige Medressen

Wasserrad
Idyllische Lage am Fluss

Was hat die Leute dazu bewegt, ihre Gräber in dieser Lage zu errichten? Nur schwer zugänglich und extrem aufwändig. Vermutlich genau das, denn wie kann man besser einen Verstorbenen ehren? Zu den zwei Gräbern auf der linken Seite wurde sogar extra ein Weg in den Fels geschlagen. Die drei Grabstätten rechts dafür umso feiner gearbeitet. Eine der Kammern ist rund und von der restlichen Felswand getrennt. Der Stein scheint hart und nur schwer zu bearbeiten, wodurch es eine Ewigkeit gedauert haben muss, so eine Gravur zu erschaffen. Noch mindestens zwanzig weitere Gräber soll es in den umliegenden Tälern geben. Mehrmals, zu verschiedenen Tageszeiten bin ich erneut hier und staune über die Gräber. Jede Lichtstimmung verändert den Anblick. Abends sind sie sogar bunt beleuchtet, sowie die zuckerweißen, ottomanischen Häuser entlang des Flusses.

Mit mehr Glück als Verstand bin ich nach Amasya gekommen. Meine zwei neuen Freunde, Davood und Beshar, nahmen mich die komplette Strecke von Safranbolu bis Amasya mit. Als wäre das nicht schon genug, werde ich die Fahrt über auch noch durchgehend mit Snacks versorgt. Lokum aus Safranbolu, Haselnüsse und Saft. Sie erklären mir, dass man in der arabischen Kultur nicht Nein sagen darf, wenn Essen angeboten wird. Doch nach einiger Zeit wird es Beshar auf dem Beifahrersitz zu viel, während Davood uns während der Fahrt förmlich mit Lokum mästet. Sein Kommentar mit ernster Stimme: „Arab culture, very bad culture”.

Ohne nennenswerte Zwischenfälle erreichen wir unser Ziel. Die beiden haben bereits ein Hotel gebucht, leider etwas außerhalb meiner Preisklasse. So muss ich mich von den beiden verabschieden, schultere meinen Rucksack und begebe mich weiter ins Zentrum. Schnell ist eine Unterkunft gefunden und ich begebe mich auf Erkundungstour. Der Ort hat überraschend Viel zu bieten: die herrlichen, weißen, ottomanischen Häuser entlang des idyllischen Flusses, natürlich die Felsengräber, verstreut über die ganze Stadt, einige Moscheen und Medressen, und eine Festung, zu der ich es leider nicht geschafft habe.
Meine Lieblingsbeschäftigung ist und bleibt aber, einfach die Gräber zu bestaunen. Sie faszinieren und überraschen immer wieder aufs Neue. Natürlich sind sie kein Vergleich zu den weltberühmten Fassaden von Petra in Jordanien. Trotzdem genieße ich den Anblick.

Miniatur

Das Einzige, was mich etwas traurig gemacht hat, waren die Schmierereien auf den Gräbern. Solche einzigartigen Werke der Antike, und es gibt tatsächlich Idioten, die ihren Namen oder ähnliches darauf schmieren…

 

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