Unterwegs auf der Klosterstraße

Ein Heuwagen passiert den Platz vor dem Kloster. Fünf bärtige Männer ziehen an mir vorbei. Die Kapuzen ihrer Mönchsroben bis tief ins Gesicht gezogen. Keiner würdigt mich eines Blickes. Die Autos um mich sind verschwunden, als ich das Kloster durch die mächtige Befestigung betrete. Es ist ein dunkler, windiger Tag. Eine frische, nach Heu duftende Brise weht um mein Gesicht. In der Anlage erblicke ich zahlreiche Kirchen und ein paar Häuser, in denen die Mönche ihr Quartier beziehen. Bevor ich eine der Kirchen betrete, blicke ich von der Mauer aus auf die Landschaft. Saftige, grüne Wiesen und ein paar kleine Weizenfelder-die spärliche Ernte der hart arbeitenden Bruderschaft. Ein Hahn kräht und ich höre, wie jemand Holz bearbeitet. Neben mir unterhalten sich zwei Ordensmitglieder. Leider verstehe ich kein Armenisch, aber ich frage mich, ob sie ebenfalls auf die mageren Felder blicken und bangen. Reicht die Ernte für den Winter?

Haghpat ist eines der Zentren des Christentums in Armenien. Eine große Bücherei gehört ebenso zum Komplex, wie eine Ölpresse. Ich drehe mich um und Blicke auf die Kirchenanlage. Mehrere runde, spitz zulaufende Glockentürme krönen die großen und kleinen Kirchen. Sie stehen symbolisch für den Berg Ararat. Den biblischen Berg, im Herzen des alten Armeniens, den Noah mit seiner Arche auf der Suche nach Land rammte.  Im Hof stehen ein paar Grabsteine. Verstorbene Mönche? Auch in die Mauern der großen Basilika im Zentrum sind Kreuze und Gebete eingeritzt.

Innen ist es düster. Ein paar Kerzen erhellen den Altar und die kleinen Seitenschreine. Ein Duft von Weihrauch weht mir entgegen, als ich mich dem Altar nähere. Hier steht ein  handgemaltes Bild von Jesus. Ich blicke um mich und stelle fest, ich bin alleine. Niemand unterbricht die Stille. Nur wenig Licht fällt durch die schmalen Schlitze im Gemäuer und die Dunkelheit erzeugt ein erdrückendes Gefühl. Der kalte, blanke Stein, der mich umgibt, betrübt noch mehr. Rau und ohne nennenswerte Verzierung. Man fühlt sich allein, eher allein gelassen statt geborgen und warm. Auch in der Kirche sind in den Boden Grabsteine eingelassen. Ich bin verwirrt, ist dies nun ein Ort für die Lebenden oder die Toten? Ich verlasse die Kirche wieder, zu betrübend ist die Leere.

Erst einmal lasse ich die anderen Kirchen links liegen und wandere durch den Rest der Anlage. Ich entdecke die Bücherei, in der einige Mönche fleißig dabei sind, Bibeln per Hand zu vervielfältigen. Erneut beachtet mich niemand. Auch nicht, als ich einem der Mönche direkt über die Schulter schaue, wie er gerade die erste Seite eines Buches mit aufwändiger Kalligraphie verziert.  Niemand nimmt mich war. Direkt nebenan liegt eine Vorratskammer; in den Boden sind Amphoren eingelassen. Vermutlich genau darum haben sich die zwei Brüder auf der Mauer Sorgen gemacht.  Diese Gefäße gilt es bis in ein paar Monaten zu füllen, um im bevorstehenden Winter nicht zu hungern. Ein Mann in der Kammer blickt auf den Boden und lächelt. Es gibt mir Zuversicht und ich schlendere weiter. Überall mangelt es an dem Nötigsten, eines der Gebäude ist eingestürzt. Kurz vor dem bevorstehenden Winter muss dieser Lagerraum noch repariert werden. Ein Balken hängt in den Raum und da, wo eigentlich die steinerne Decke sein sollte, sehe ich jetzt den grauen Himmel. Dicke, schwarze Wolken türmen sich und es beginnt zu regnen. Schnell suche ich nach einem Unterschlupf und  betrete eine kleinere Kirche.

Hagphat1Ein Rundbogen ziert den Eingang und es scheint, als sei ein weiteres Gebet in den Stein graviert. Eine einzelne gewölbte Öffnung in der Kuppel spendet Licht. Hinter dem Hauptraum befindet sich der Altar. Dutzende Kerzen erleuchten das kleine Kämmerchen hell und inmitten dieses Lichtmeers steht ein Priester in einer schwarzen Robe. Eine spitze Kapuze und ein golden gesticktes Kreuz auf dem Rücken seines Gewands sind alles, was ich ausmachen kann, da er dem Altar zugewandt ist. Auch er merkt anscheinend nicht einmal, dass ich hier bin und beginnt zu singen. Tiefe Töne einer fremden Sprache hallen von den dunklen Wänden wieder. Ich lausche still. Es scheint, als hielte er eine Messe nur für sich. Niemand außer mir hört es. Er betet in aramäisch, der Sprache Jesu Christi. Der alten Sprache der Christen, nicht lateinisch und schon gar nicht griechisch. Seine Stimme umgibt mich, sie beinhaltet etwas Mystisches und Warmes. Der in schwarz gehüllte Mann steht regungslos da und singt für sich. Ganz allein. Mehrere Minuten lausche ich dem Gebet und noch immer macht der Mönch keine Anstalten, seinen Gesang zu beenden.

Altar

Einen letzten Blick werde ich über die Schulter zum alten Kloster, als ich die Anlage verlasse. Als ich mich wieder nach vorne wende, reißt mich eine Tourbusgruppe unbarmherzig aus meinem Tagtraum.  Verschwunden sind die Mönche. Verschwunden ist das völlig intakte Kloster und nur die Ruinen liegen hinter mir. Wie eine Horde fallen sie mit ihren Kameras über die Stille der Anlage her. Erleuchten die dunklen Ecken mit einem kräftigen, grellen Blitz und stören die  andächtige Atmosphäre mit ihren Unterhaltungen. Im Regen schlendere ich auf den Parkplatz. Meine geplante Wanderung zum zweiten großen Konvent auf der Klosterstraße hier im Norden Armeniens fällt wortwörtlich ins Wasser. So begebe ich mich mit dem Bus auf den Weg zum Sanahinkloster. Ebenfalls hoch oben über der Schlucht des Canyons und den Minenanlagen, die das heutige Bild der Umgebung prägen. Sie fügen sich gut in die ohnehin triste, fast melancholische Stimmung des Tages. Ihre grauen Rauchschwaden ziehen in den noch graueren Himmel und einige der Anlagen scheinen gänzlich verlassen. Das zweite Kloster ist etwas enttäuschend. Es ist eine riesige Baustelle. Restauration ist im Gange, um das Kloster den vorbeifahrenden Tourgruppen noch schmackhafter zu präsentieren, auf ihrem Weg nach Georgien.

Der Debedcanyon liegt nämlich nur knapp eine Autostunde entfernt von der georgischen Grenze, zu der ich am nächsten Tag auch aufbrechen wollte. Zunächst genoss ich aber noch den Abend in der herrlichen kleinen Pension, von der aus ich schon am Vortag mit einem Taxi zu einem dritten Kloster gefahren war. Zwar kein UNESCO-Weltkulturerbe wie die anderen zwei, verstecken muss es sich aber keineswegs. Ganz im Gegenteil, gefiel es mir fast am besten. Das Akhtalakonvent wird durch eine imposante Mauer mit Türmen geschützt und die Kirche ist eine der einzigen in ganz Armenien mit erhaltenen Fresken.

Abends saß ich noch gemeinsam mit einer Deutschen jungen Frau, welche im kurdischen Teil der Türkei lebt und einem Finnen gemeinsam in der Pension. Dort trank ich das letzte armenische Bier, bevor es am nächsten Morgen über die Grenze in die georgische Hauptstadt, Tiflis, ging.  Noch wusste ich noch was für eine turbulente Reise mir bevorstehen sollte…

Kommentare

  1. Pingback: 10 Highlights einer Reise durch den Kaukasus | wasgesternwar

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