Völlig unerwartet

Nur meine wirren Gedanken, zu dem was passiert ist:

Wir saßen in Pokhara und wollten gerade unser Mittagessen bestellen. Es war ein kleines, günstiges Restaurant, in einem eher an Rucksackreisende gerichteten Teil Pokharas. Um uns saß eine Gruppe alter Hippies. Es war alles ziemlich ruhig. Gekommen waren wir nur, um etwas Geld abzuheben und den Hauptteil unseres Gepäcks zu holen. Hatten wir zunächst nicht gewusst, wie schön es in Begnas ist, beschlossen wir nun etwas länger zu bleiben. Unser Guesthouse lag an zwei kleinen Seen mit wahnsinnig viel purer Natur um uns. Pokhara dagegen war langweilig,  touristisch und hässlich.

Wir wollten nur eine günstige Chowmein, gebratene Nudeln, die satt machen. Als wir bereit waren, unser Essen zu bestellen, hörten wir plötzlich ein lautes Grummeln. Im ersten Augenblick dachte ich, es wäre ein Generator, der eingeschaltet wurde. Gab es doch hier ständig Stromausfälle. Eine Sekunde später merkte ich, es ist kein Generator. Der ganze Boden zitterte und die ersten Menschen rannten schreiend auf die Straße. Auch wir erkannten die Situation. Ein Erdbeben. Wir schnappten unsere Sachen und taten das gleiche. Nichts wie raus auf die Straße. Im Nachhinein war unsere Wahl ein Fehler. Hier, inmitten von Gebäuden, relativ dicht beieinander, mit elektrischen Leitungen um uns herum. Keine gute Wahl. Hätten wir doch auf der anderen Seite eine große grüne Wiese gehabt.

Alle Bauten schwankten. Menschen sprangen aus Taxis. Geschrei. Man hörte Flaschen zerbrechen. Knapp zwei Minuten ging es so. Jeder war ängstlich, man war den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. Und hier zeigten sie ihre volle Kraft. Sogar die Straße bewegte sich auf und ab, wie Gelee. Kinder fingen an zu schreien und alle Vögel waren verstummt.

So plötzlich wie das Beben gekommen war, so plötzlich verschwand es auch wieder. Die Paraglider am Himmel würden es vermutlich zunächst für einen Scherz halten. Sie hatten von all dem nichts mitbekommen. Hier war zum Glück nichts passiert. Die Touristen beruhigten sich schnell wieder, die Einheimischen waren noch sichtlich traumatisiert und die Meisten wollten erst einmal nicht mehr nach drinnen.

Obwohl das Beben in Pokhara und Umgebung kaum bis keinen Schaden angerichtet hatte, waren alle etwas mitgenommen. Die meisten Einheimischen schliefen aufgrund der allseits präsenten Angst vor starken Nachbeben die nächsten Nächte draußen, wenn sie denn schlafen konnten.

Die größte Stärke der Menschen hier ist jedoch ihre Solidarität. Jeder hilft Jedem. Familien halten zusammen. Nachbarn helfen sich aus.

Als wir die ersten Nachrichten hörten, waren es erst ein paar hundert Tote, kurz darauf schon tausend, mittlerweile über 4000. Unvorstellbar, dass viele der Monumente, die ich noch vor kurzem besichtigte jetzt in Trümmern liegen. Man hört schreckliche Meldungen aus Kathmandu und den Bergregionen. Man fragte sich, wie geht es den Leuten? Auch ich habe zuvor Menschen kennen gelernt, die mir von ihren Plänen erzählten, zum Everest zu trekken. Ging es ihnen gut? Auch wenn man selbst nicht betroffen war, fühlte man trotzdem eine beklemmende Angst. Und Zorn. Wieso musste es so viele treffen? Wieso Nepal, ein Land, das gerade dabei war sich aus der Armut hochzuarbeiten? Ein Land, das schon zuvor so viel Furchtbares durchmachen musste.

Furchtbar für all die Betroffenen, die unschuldig starben. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Umgeben von alten, instabilen, mehrstöckigen Häusern in engen Gassen. Keine Chance, dem zu entkommen, was folgte. Wenn man überlegt, was in Nepal passieren kann, dann denkt man eher an einen Unfall beim Wandern oder sonstigem Sport, vielleicht eine Hundeattacke oder im schlimmsten Fall an einen Überfall. Ein Erdbeben hielt wohl kaum einer für ein realistisches Risiko. Man wusste zwar, dass es irgendwann passieren würde, aber wer denkt schon, dass es in den paar Wochen passiert, in denen man im Land ist.

Auch die langfristigen Konsequenzen sind verheerend. Selbst in den Regionen, die nicht vom Erdbeben betroffen sind, fürchten die Menschen um die Zukunft. Viele leben vom Tourismus. Hotels, Restaurants, Souvenirläden, Führer, Träger, Reisebüros. All diese Menschen fürchten um ihre Existenz. Viele Menschen, mit denen ich sprach sehen schwarz für die Zukunft. “Die nächsten Jahre wird es hart”, jammern Viele! Vermutlich zurecht. Besonders die Tourbusgruppen und Pauschalurlauber werden aus bleiben. Gerade die Sorte an Tourist, die das meiste Geld ins Land bringt.

Meiner Meinung nach ist die beste Hilfe für das Land, nächstes Jahr, wenn alles wieder etwas aufgeräumter ist, dort Urlaub zu machen. Natürlich ist das Kathmandutal, das kulturelle Zentrum mit all seinen UNESCO-Weltkulturerben, vorerst einmal zerstört. Aber es gibt noch vieles mehr. Wandern kann man sicher bald wieder. Viele der Wege sind auch nicht betroffen. Und es gibt noch die Nationalparks im Süden, Lumbini, den historischen Geburtsort Buddhas, Ilam, die nepalesische Version von Darjeeling und und und… Sicher bleibt Nepal ein spannendes Land. Man sollte den Menschen gerade jetzt helfen und es nicht noch durch das Ausbleiben von Touristen schlimmer machen…

Kommentare

    1. Autor
      des Beitrages
      wasgesternwar

      Schwierig. Ich bin kein Experte und habe mich nie damit beschäftigt… Ich weiß es nicht.
      Man hätte so vieles tun müssen.
      Die alten Gebäude stützen, aber selbst dann ist es in den engen Gassen von Kathmandu immer noch extrem gefährlich.
      Außerdem hätte man die Leute auch darauf vorbereiten müssen, insbesondere in den ländlichen Regionen, wo der Glaube noch eine wichtige Rolle spielt.
      Man hätte Notfallpläne schaffen müssen und und und…

      Wirklich schwierig, in einem Land das erst dabei ist sich von unzähligen Kriegen zu erholen und sich aus der Armut hoch kämpft…

      VG
      Olli

        1. Autor
          des Beitrages
          wasgesternwar

          Ja habe ich.

          Aber ich weiß nicht ob man die rießige Altstadt Kathmandus komplet erdbebensicher machen kann. Und dann noch das ganze umliegende Kathmandutal…
          Klar man hätte mehr tun können, man muss auch bedenken wir reden imernoch von Nepal. Einem armen Land, dass erst seit kurzem ohne Krieg ist und viele andere Dinge zu tun hatte, als schon die nächste Kriese vorzubeugen…

          Und die Kraft dieses Bebens war enorm. Es am eigenen Leib zu spüren machte eienem Angst. Gegen so etwas ist es vermutlich auch sehr schwer etwas auszurichten. Wenn auch nicht unmöglich…

          Aber das mit dem spenden sehe ich kritisch. Ich zweifle immer wieviel davon ankommt.
          Lieber fährt man nächstes Jahr nach Nepal in den Urlaub. Wenn man dann nicht den großen Hotels übernachtet und nicht in den Touristenfallen ist, sondern lieber Homestays nutzt, in kleinen Einheimischenlokalen ist und an Kiosken einkauft, ist doch schon viel getan. Und man kann z.B. in einem Tempel Zahnbürsten und Zahnpasta spenden, das haben viele Kinder wirklich notwendig. So kommt das Geld viel direkter an.

          Vg
          Olli

          1. Autor
            des Beitrages
            wasgesternwar

            Ja habe ich.
            Der Artikel sagt auch nur “man hätte was tun können”
            So etwas umzusetzten ist ein eandere Sache.
            Wo fängt man an? Unendlich viel Bürokratie. Wer zahlt? Wie sollte man jemanden zum zahlen überreden? Etc.

            Aber an sich bin ich deiner Meinung. Es ist furchtbar was passiert ist. Man hätte bestimmt etwas unternehmen können.

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