Wie aus dem Bilderbuch

Von grauen Vororten rein in die Idylle

Ungeduldig sitze ich im Bus nach Safranbolu. Ankara war nicht wirklich sehenswert. Zu laut. Zu grau. Zu trist. Zu dreckig. Vielleicht hatte auch das Wetter zur erdrückenden Stimmung beigetragen. Egal! Heute scheint die Sonne und ich bin auf dem Weg gen Norden. Zuerst passieren wir die Vororte Ankaras, noch trostloser zieht ein Großhandel nach dem anderen vorbei. Geschäfte für Betten wechseln mit Autohändlern ab. Doch langsam werden die Betonklötze weniger und die charmanten Dörfer mehr. Man sieht kleine Ortschaften mit zum Teil doch sehr ärmlichen Lebensverhältnissen. Doch schon gleich ist mir das sympathisch. Die Authentizität und Einfachheit ist ein nur fairer Tausch gegen den Komfort einer Großstadt, in meinen Augen. So viel greifbarer und malerischer liegen die Ortschaften vor meiner Nase.

Die Landschaft ist sehr hügelig. In der Ferne erblicke ich sogar Berge mit schneeweißen Spitzen. Nach zwei Stunden Fahrt merke ich, dass sogar hier und da neben der Straße in den geschützten Lagen noch Schneereste liegen. Was für ein Kontrast zur Landschaft, die mir noch in Erinnerung geblieben war, als ich das letzte Mal, vor zwei Jahren in der Türkei war. Die fast schon wüstenartigen, mesopotamischen Ebenen an der Grenze zu Syrien. Die felsige, surreale Landschaft Kappadokiens und die kargen Flanken des Berges Nemrut.

Endlich erreiche ich Kiranköy, den finalen Halt meiner Busfahrt. Hoch motiviert springe ich aus dem Bus. Ich schnappe meinen Rucksack und frage nach einem “servis”, einem kostenlosen Transfer ins Zentrum. Ich versuche, dem Fahrer zu erklären, dass ich an der Stelle aussteigen möchte, an der der Dolmus in die Çarşı losfährt. Ich frage: “Nerdere?” (Wo?).
Er zeigt einmal über die Straße. Ich bedanke mich und trotte los. Und tatsächlich. Ein fast abfahrtbereiter Minibus wartet schon. Nur wenige Minuten dauert es und ich erblicke die weiß leuchtenden, ottomanischen Häuser, die hier liebevoll restauriert und erhalten wurden. Umgehend versteht man, wieso die UNESCO dieses Dorf einst zu einem Kulturerbe ernannt hat. Schnell ist auch eine Unterkunft gefunden, für weniger als zehn Euro, übernachte ich in einem kleinen Zimmer in einem restaurierten, ottomanischen Haus. Sie werden auch Konagı genannt. Durch seine nahe Lage zur ehemaligen Seidenstraße, erlangte das einstmals bescheidene Dorf einen Ruf als Safranproduzent und Wohnort reicher Kaufleute und Kunsthandwerker.

Auf erster Erkundungstour

In meiner Unterkunft sind auch zwei sehr sympathische Geschäftsleute aus Kuwait abgestiegen. Sie sprechen beide Englisch und wir unterhalten uns etwas. Doch es drängt mich, die engen Gassen und alten Moscheen zu erkunden. So verabschiede ich mich höflich und bin sofort mitten drin. Mein Hotel ist etwas abgelegen von der “Hauptstraße” und liegt in einem der authentischeren Viertel. Ich erklimme als erstes den Hügel und genieße den herrlichen Ausblick. Dieser Punkt lädt förmlich zum Verweilen ein. Ich Überblicke das Meer aus roten Dächern und sichte die besonderen Highlights. Eine Handvoll alter Moscheen, der traditionelle Hamam und eine prachtvolle Karavanserei. Auch von der chinesischen Tourbusgruppe lasse ich mir die Laune nicht verderben. Mit aufeinandergebissenen Zähnen willige ich ein Foto mit mir ein. Ein Foto, mit einem anderen Touristen, aus Deutschland, nicht sonderlich exotisch… aber sei es drum…

Über eine kleine Seitenstraße umrunde ich das Zentrum. So viel Charme der Ort auch hat, im Zentrum reiht sich ein Souvenirshop an den nächsten. Dazwischen gelegentlich ein Hotel oder ein Restaurant, die ebenfalls mit ihren Diensten und, wie könnte es anders sein, mit noch mehr Souvenirs werben.
Doch hier in den Seitengassen ist der Geld-Wahn der Tourismusbranche noch nicht ganz angekommen. Zumindest scheint es so. Auch, wenn wahrscheinlich fast jeder hier im Dorf irgendwie mit dem Tourismus seine Brötchen verdient. Zu dieser Jahreszeit sind es hauptsächlich Türken selbst, die vermutlich ebenfalls dem Molloch Ankara entfliehen wollen.

 

Hamam
Die Kuppeln des Hamams.
StraßeBerg
Die zum Teil engen Gassen.
HundDorf
Hallo?

FelsenDorf

Ein längst verwehter Hauch des Alten

Hier gibt es eine kleine Bäckerei und ich höre das Hämmern eines Schmiedes. Kurz darauf passiere ich auch tatsächlich die Werkstatt eines Kupferschmiedes. Ich lächle, er nickt freundlich zurück. Ein Mann mittleren Alters, vermutlich kennt er den Ort noch vor dem Boom. Bei einem Blick auf die noch nicht restaurierten, bröckelnden Häuser, hängt ein Geschmack des Alten hinterher. Vor meinem Auge erblicke ich ein Dorf, in dem das alltägliche Leben vor sich hin tröpfelt und die Leute als Handwerker, Händler oder Bauern ihr Geld verdienen. Eine Frau hängt Wäsche an ihrem Balkon auf, an dem schon das ein oder andere morsche Brett fehlt.

Doch die Moderne schreitet voran, so wie ich, der nun doch dem Zentrum nahe kommt. Mehr und mehr Häuser werden restauriert. Hier im Mittelpunkt Safranbolus gibt es einen alten, renovierten Basar. Belanglose Souvenirs werden verkauft, kleine Plastikkopien der Häuser, Safran – ob nun echter oder nur ein Nepp, bleibt die Frage – sowie die üblichen Kühlschrankmagneten und allerlei in Massen produzierte Holzgegenstände. Schnell habe ich genug hiervon.

Ich suche eine etwas besinnlichere Tätigkeit und widme mich den Moscheen Safranbolus. Mehrere prächtige Bauwerke ottomanischer Baukunst sind erhalten, unter anderem eine der größten Moscheen des Ottomanischen Imperiums. Etwas fehl am Platz wirkt sie, neben all den kleinen Häuschen, umgeben von saftig grünen Hügeln. Von außen eine wahre Pracht, innen ist es eher beschaulich. Beim Verlassen werde ich von einem typischen Türken in den Fünfzigern angesprochen. Dunkle Haut, schwarz-graue Haare und ein dazu passender Schnauzer. Er will wissen, wo ich herkomme und zeigt mir kurz darauf den kleinen Canyon, der hier das Örtchen durchschneidet. Schnell finde ich mich in seiner Werkstatt wieder und ohne mich zu drängen, ist klar, er will auch nur seine Scheibe vom Tourismusboom abhaben. Doch keine der eher kitschig wirkenden Figuren spricht mich an und so verlasse ich den Laden höflich wieder.

Noch einmal geht es ins Zentrum in die wunderschöne Karavanserei. Für einen Lira kann man umherwandeln, in dem, was heute ein teures Hotel und Restaurant ist. Auch kann man bis zum Dach aufsteigen und ist wortwörtlich auf den Dächern des Ortes. Wunderschöne Fotogelegenheiten, soweit das Auge reicht.

Auf dem Weg zum höchsten Punkt des Dorfes

Das Museum des Ortes thront hoch oben auf einem Felsvorsprung. Einst das Gouverneursgebäude. Das Museum berauscht nicht, der Ausblick entschädigt. Wieder laufe ich durch etwas abgelegene Gassen. Doch auch hier wird gebaut und renoviert. Trotz allem ist es ein malerisches Fleckchen und die Konagı erinnern mich an Fachwerkhäuser zuhause. Ein Gerüst aus Holz und dazwischen  gemauerte, weiß verputzte Wände.

Der Ort gefällt mir wirklich gut und so schlendere ich noch weiter umher, bevor es an die Planung geht. Das Problem ist, Safranbolu und mein nächstes Ziel, Amasya, sind beide kleine, überschaubare Orte und nur touristisch von Bedeutung. Die Chancen, dass es eine direkte Verbindung gibt, ist minimal. Wenn es keine Möglichkeit gibt, irgendwo umzusteigen, bleibt mir im schlimmsten Fall nichts anderes übrig, als zurück nach Ankara zu fahren. Ich frage im Tourismusbüro nach. Tatsächlich sieht es nicht gut aus. Meine Optionen: nachts irgendwo im Nirgendwo aussteigen und auf Anschluss am nächsten Morgen zu warten oder zurück nach Ankara. Beides nicht sonderlich schmackhaft. Doch zu meinem großen Glück, erinnere ich mich zurück an das, was die zwei Männer aus Kuwait sagten. Sie haben einen Mietwagen und wollen ebenfalls nach Amasya.

Häuser

Glück im Unglück

Zurück im Hotel bitte ich sie, ob es möglich wäre, mich mitzunehmen. Sie willigen sofort ein und als ob es nicht schon genug wäre, laden sie mich auf arabischen Kaffee und Datteln ein. So sitzen wir in unserer Unterkunft und Davood und Beshar erzählen mir, sie sind beide Bankangestellte und schon das zehnte Mal in der Türkei. Sie waren schon an vielen Orten und haben mittlerweile viele Freunde hier. Auch sprechen sie türkisch, was natürlich ein großer Vorteil ist, wenn man hier reist.

SafranboluBalkon1

Wellness auf türkisch

Abends besuche ich noch den Hamam des Ortes, ein wunderschönes, historisches Gebäude. Meine Sachen kann ich in einer Umkleidekabine einsperren. Nur mit einem Handtuch bekleidet betrete ich den Hamam. In der Mitte ist, wie in jedem Hamam eine Art heißer Stein auf den man sich legen kann, wenn man die Hitze denn erträgt. Zur Mitte hin wird es immer noch heißer. In den Nischen sind kleine Becken, in die man Wasser einlassen kann, um sich anschließend mit einer Schale zu übergießen und so zu waschen. Neben diesen Möglichkeiten, kann man zusätzlich auch eine Massage oder eine Art Ganzkörperpeeling haben. Für letzteres habe ich mich entschieden.

Ein lauter Schlag, als die schwere Holztür wieder zufällt. Mein Masseur betritt den Hamam. Ein großer, kräftiger Mann, ebenfalls nur mit einem Handtuch um seinen Bierbauch geschlungen. Er hat lange schwarze Haare und einen stoppeligen Vollbart. Seine ganze Gestalt ist bärenhaft, nicht gerade der Typ Mensch, von dem man üblicherweise in einer Art Spa behandelt werden möchte. Er bittet mich, auf einer Liege Platz zu nehmen.

Zunächst übergießt er mich mit Wasser, dann zieht er eine Art rauen Waschlappen an und schrubbt mich kräftig von oben bis unten ab, zuerst den Rücken und dann die Vorderseite. Er ist dabei sehr professionell und ich vertraue ihm. Er kann etwas Englisch und fragt, woher ich bin. Sofort fällt wieder das übliche, “Ah, FC Bayern München”. Und er fragt, ob ich türkische Teams kenne. Mit meiner Antwort, Trabzon Spor und Istanbul Galataseray schinde ich etwas Eindruck.

Anschließend werde ich mit einem wundervoll weichen Schwamm und glitschiger Seife abgewaschen. Was ich jedoch nicht erwarte ist, als er meine Arme auf der Brust verschränkt. Ich denke zunächst, er will sie nur aus dem Weg haben, doch schlagartig drückt er mit einer immensen Kraft von beiden Seiten und es knackst laut zwischen meinen Schulterblättern. Im ersten Augenblick weiß ich nicht, ob er mir gerade den Rücken gebrochen, oder etwas eingerenkt hat. Doch es fühlt sich so befreit an und die Bewegung meines Rückens auf einmal ganz leicht. Dann sind wir fertig und er lässt mich alleine. Ich wasche mich mit einer der Schalen und begebe mich zu meiner Umkleide. Normalerweise trinkt man jetzt noch eingewickelt in Handtücher einen Cay oder etwas anderes. Aber da ich alleine bin und keine Lust habe, mit ein paar Türken auf den Fernseher zu starren, ziehe ich mich um und verlasse den Hamam wieder.

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Meine Unterkunft in Safranbolu

Kommentare

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