Zwischen Tradition und Moderne

In einer Stadt, in der die gnadenlose Moderne regiert, während sie doch dem melancholischen Traum von Tradition hinterher sehnt. Nicht nur aufgrund der Hitze, ist die Stadt ein Schmelztiegel. Hier mischen sich Afghanen mit Nepalesen, Chinesen, Indern, Pakistanern und vielen weiteren Ethnien mit der einheimischen, arabischen Bevölkerung. Wobei vierzig Grad schon Anfang Mai wirklich kein Spaß sind… An einem Ort wie diesem wohne ich bei einem ausgewanderten Philippino in seiner Einzimmerwohnung.

Francisdon, mein Gastgeber von Couchsurfing war so freundlich, mich vom Flughafen in Shardschah abzuholen. Von Anfang an hatten wir einen guten Draht zueinander. Etwas verloren wäre ich ohne seine Hilfe in dieser modernen staubigen Stadt gewesen. Andererseits, war die Sauberkeit  und die Ordnung – abgesehen vom Staub – eine wohltuende Abwechslung zum dreckigen Chaos Kathmandus, dessen Flughafen als einer der schlechtesten weltweit gilt. Gemeinsam mit meinem Gastgeber machte ich mich mit dem Bus auf zu seiner Wohnung, ein Einzimmerappartment. Ein kleiner Raum ohne nennenswerte Möbel und eine kleine Küchenzeile. Nur das Bad war seperat. Francis bereitete mir eine Luftmatratze, die für die nächsten drei Nächte mein Bett darstellen sollte.

Wir gingen gemeinsam afghanisch Essen und lernten uns besser kennen. Er arbeitet für einen Rettungsdienst und unterstützt mit dem Geld das Studium seines jüngeren Bruders. Außerdem reist er selbst gerne und war gerade erst von einem Trip in Europa inklusive Deutschland zurück. Nach dem Essen tranken wir noch einen giftig aussehenden, pinken, pakistanischen Tee und aßen etwas süßes, bevor Francis mir die Schlüssel zu seiner Wohnung überließ, einem Wildfremden wohlgemerkt, den er erst seit ein paar Stunden kannte. Abgesehen von dem kurzen Kontakt auf Couchsurfing und Whatsapp zuvor. Er musste arbeiten und meinte, ich solle mich in seiner Wohnung wie zuhause fühlen und könne gerne im Kühlschrank nach etwas fürs Abendessen suchen.

Allein machte ich mich auf, die Umgebung noch etwas zu erkunden. Ganz in der Nähe befand sich ein Museum über die islamische Welt, in einer wunderschön hergerichteten alten Lagerhalle. Erneut merkte man, wie sich in Shardschah Tradition mit Moderne vermischte. Auf dem Weg dorthin entdeckte ich Araber in der traditionellen, weißen Kleidung mit Kopftuch und als Kontrast dazu mit einem teuren IPhone in der Hand. Nachdem ich mich ausgiebig über den Islam und seine Kultur informiert hatte, schlenderte ich noch etwas an der Uferpromenade entlang. Langsam, als mein erster Tag in Schardschah ausklang, wurde die Temperatur erträglicher und kaum war die Sonne verschwunden, sah man Leute an der Promenade entlangspazieren. Sogar Jogger wagten sich jetzt hervor. Zwar immernoch recht warm, aber doch wesentlich angenehmer, musste man keine Angst mehr vor einem Hitzschlag haben.

Der zweite Tag startete sehr früh; um ca. viertel vor sieben kam Francis nach Hause. Wir frühstückten gemeinsam und er gab mir zahlreiche weitere Informationen über die Stadt und was ich heute tun könnte. Den Vormittag verbrachte ich zunächst auf dem Fischmarkt und dem naheliegenden blauen Souk. Beides waren recht moderne Märkte, jedoch machte es Spaß umherzuschlendern, als einziger Ausländer. Obwohl der Fischmarkt eher beschaulich war, gab es für meine mitteleuropäischen Augen recht exotische Tiere, wie z.B. blaue Krabben. Der Souk war besonders wegen seiner traditionellen Architektur interessant, erneut gemischt mit einem sehr modernen, klinischen Äußeren. Innen gab es viele Teppichgeschäfte, die persische Teppiche verkauften. In den kommenden Tagen würde ich sehen wo sie wirklich herkommen, dachte ich mir. Ansonsten war der Markt, der von Innen eher einem europäischen Kaufhaus ähnelte angenehm klimatisiert. Eine willkommene Abwechslung, hatte es doch jetzt schon Vormittags sicher an die 35 Grad und kein Wölkchen war in Sicht.

Auf dem Rückweg zu meiner Bleibe, erkundete ich noch die sogenannte “Heritage Area”, eine rießige Fläche mitten in der Stadt, wo eine Altstadt rekonstruiert wurde. Schardschah, oder besser seine Politiker sind davon besessen, einen Kontrast zum supermodernen Nachbarn Dubai zu bilden und man möchte die alte arabische Kultur wiedererwecken. Mit allen Mitteln wird eine neue, alte Altstadt gebaut, dafür wird eine riesige Fläche neuerer, hässlicher Gebäude abgerissen, um eine Art Freilichtmuseum mit traditionellen Häusern zu bauen. Ein Teil dieses Mammutprojekts ist bereits abgeschlossen. Einerseits ist es schön, eine solche arabische Altstadt zu sehen, hat es doch vor 60 Jahren hier noch wirklich so ausgesehen. Andererseits ist solch eine künstliche Nachbildung natürlich sehr steril und nichts echtes, obwohl es schwer ist heutzutage noch eine echte Altstadt am arabischen Golf zu finden. In der Umgebung gibt es nur supermoderne Städte wie Abu Dhabi und Dubai. Somit war es doch sehr interesannt, ein paar der aus Korallen gebauten Häuser zu sehen.

Zurück in der Wohnung traff ich Francis und gemeinsam gingen wir essen, diesmal indisch. Wie schon am Vortag hatten wir ein solch üppiges Mahl, dass für mich erneut das Abendessen ausfallen sollte… Er erzählte mir von seinem Plan, sich für den nächsten Tag frei zu nehmen, um gemeinsam mit mir einen Ausflug nach Dubai unternehmen zu können. Sichtlich begeistert schien er von diesem Vorhaben. Nach dem schmackhaften Essen gingen wir noch ein Eis essen. Eine sehr interessante Variante: ein hohes Glas gefüllt mir normalem Speiseeis und Früchten, gehäuft mit Süßigkeiten, Gelee und Nüssen. Lecker!

Nachittags erfreute ich mich an dem tollen Museum für moderne Kunst, welches wirklich geniale Bilder, ganz nach meinem Geschmack, ausstellte. Zum Teil mischten diese auf eine wirklich fabelhaft Art und Weise Moderne mit Geschichte und Tradition. Fast alle Künstler waren aus der islamischen Welt, was es interessant machte, künstlerische Herangehensweisen zu sehen, in einem Glauben, der in manchen Ausprägungen auch heute noch nicht jede Freiheit erlaubt. Als es wieder kühler wurde, lief ich erneut in der angrenzenden Altstadt umher, bevor ich mich auf den weiten Weg zur zentralen Lagune machte. Hier stehen die wirklichen Hochhäuser, ähnlich wie in Dubai, und es gibt Abends eine schöne Fontäne und Wasserspiele mit zahlreichen Lichteffekten. Diese Gegend mit einem angrenzenden, gut gepflegtem Park, bildete einen herrlichen Kontrast zu der grauen Betonklotzsiedlung, in der ich wohnte.

SkylineTags

Da mein Gastgeber leider nicht frei bekam, konnten wir nicht gemeinsam nach Dubai fahren. Allein war mir die Sache etwas zu umständlich und ich hatte ein ähnliches Programm wie am Tag zuvor. Wir frühstückten gemeinsam, diesmal hatte Francis frisches, noch warmes Brot, gefüllt mit Käse mitgebracht. Wir aßen es mit dem nepalesischen Honig,  den ich ihm als Gastgeschenk mitgebracht hatte. Tagsüber besichtigte ich das Aquarium und ein Museum über die Schifffahrt im persischen Golf. Nachmittags hatte ich noch etwas für meine Weiterreise in den Iran zu erledigen. Leider kann man als Ausländer keine Kreditkarten oder Bankautomaten im Iran benutzten, weshalb ich all mein dort nötiges Geld schon im Voraus abheben und in Dollar tauschen musste. Umständlich, aber
es hat alles geklappt.

Am nächsten Morgen brachte mich Francis, nach unserem letzten gemeinsamen Frühstück, noch zur Bushaltestelle. Wir verabschiedeten uns und hofften beide wirklich, uns noch einmal wieder zu treffen. Vielleicht ja das nächste Mal in Deutschland… Diese Erfahrung hat mal wieder gezeigt um was es bei Couchsurfing wirklich geht, um Freunde in der ganzen Welt.

Kommentare

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